Jung, potent und voller Möglichkeiten: Der kugelige Haufen Zellen, aus dem jeder Menschen erwächst, weckt nicht nur das Begehren pränataler Diagnostiker. Außer für Untersuchungen zum Ausschluss von Erbkrankheiten lassen sich embryonale Zellen im Prinzip auch zur Behandlung diverser Krankheiten einsetzen. Die so genannten embryonalen Stammzellen können sich noch in jeden Zelltyp verwandeln und lassen sich darüber hinaus außerhalb des Körpers beliebig vermehren. Ein idealer nachwachsender Rohstoff für zerstörte Lebern, angegriffenes Knochenmark und lädierte Nieren - wäre da nicht das Embryonenschutzgesetz, dass diesen Zugriff aufs werdende Leben verbietet.

Zum Glück verfügen auch ausgewachsene Körper über eine kleine Reserve von Stammzellen, aus denen die Organe in begrenztem Umfang abgestorbenes Gewebe regenieren. Ein Patient, so die Idee, könnte sich aus diesem Fundus beizeiten seine Ersatzzellen selbst spenden. Lange Zeit blieben die Stammzellen in den Tiefen der meisten Organe verborgen. Doch nach und nach stoßen die Forscher auf ihrer Suche nach ethisch unbedenklichem Material auf die gut versteckten Zell-Schätze. In der neuesten Ausgabe der Fachzeitschrift Nature Medicine präsentieren gleich zwei Forschungsgruppen neue Therapiemöglichkeiten: Die einen wollen mit Stammzellen Diabetes kurieren, die anderen neues Leben in angegriffene Gehirne pflanzen.

Die Gruppe um Steven A. Goldman vom New Yorker Cornell Medical Center wurde im Hippocampus fündig, einer Hirnstruktur, die bei Säugetieren fürs Gedächtnis zuständig ist. Sein Material gewann der Wissenschaftler von vier Epilepsie-Kranken, denen zu therapeutischen Zwecken Hirnmaterial aus der Region entnommen worden war. Goldman identifizierte die gesuchten Zellen mithilfe eines "Reporter-Gens", das sich in das Erbgut von aktiven Vorläuferzellen von Nerven einklinkte und diese durch dezentes Leuchten verriet. Im Reagenzglas zeigten die so markierten Kandidaten, was ihre ausgewachsenen Schwestern verlernt haben: Sie konnten sich teilen.

Kanadische Wissenschaftler reagierten in einem Kommentar auf die Arbeit nur mit verhaltenem Applaus. Noch sei nicht sicher, ob es sich wirklich um Nerven-Stammzellen gehandelt habe. Und wozu habe die Natur überhaupt solche Reservoirs im Gehirn angelegt, wenn diese im Notfall offenbar nur unzureichend aktiviert werden? Was geschieht vor allem, wenn man solche Zellen künstlich in kranke Hirne einspeist? Entstehen vielleicht Tumore, gerät das feine Gleichgewicht der Hirnzellen durcheinander, setzt das Transplantat zum Amokwachstum an?

Immerhin räumen die kanadischen Skeptiker der Methode eine Chance ein. Der Versuch eröffne die Möglichkeit für eine Nerven-Zell-Transplantation in den Hippocampus und "vielleicht auch in andere Regionen des zentralen Nervensystems". Der Anreiz ist groß. Gelänge der Coup, könnte in Zukunft Alzheimer-, Parkinson- oder Schlaganfall-Patienten mit eigenem Gewebe geholfen werden.

Ungleich viel versprechender ist die Stammzelltherapie bei Diabetikern.

Während der New Yorker Steven Goldman Stammzellen in menschlichen Hirnen suchte und fand, förderte Ammon Peck von der University of Florida Stammzellen aus Bauchspeicheldrüsen zuckerkranker Mäuse zutage. Peck hatte besonders die Vorläufer der Inselzellen im Visier, die in der Bauchspeicheldrüse das blutzuckersenkende Insulin produzieren. Der Wissenschaftler fand die gewünschten Zellen, vermehrte sie in der Kulturschale und transplantierte jeweils 300 der natürlichen Bioreaktoren unter die Nierenkapsel zuckerkranker Mäuse.