Wann, ja wann haben wir eigentlich den letzten Briefroman bekommen? Ich meine, so etwas Herzbewegendes wie den Werther, der durch tränennasse Wiesen und tröpfelnde Wäldchen läuft und seinem Wilhelm schreibt: Lies, es ist meine ganze Seele, die ich dir vorlege. Und natürlich uns meint, sein stolzes volles Herz direkt in unseres ausschüttet. Man stelle sich vor, unsere hoch empfindsamen Dichter - Handke oder der müdselige Botho Strauß auf seiner Hyperion-Anhöhe, sie alle würden uns ihre Disproportion mit dem Leben, mit ihrer Zeit einmal so herzensverbindlich mitteilen, so ganz ohne Quarantäneabstand, von Seele zu Seele - Lies, Wilhelm! - ihren inneren Karst, ihren Oderbruch uns zu Füßen legen. Statt mit Steinen, mit kalten Toten auch einmal mit uns geborenen Schattenwesen reden wollen. Das wünschten wir uns doch ergebenst, wir, die wir doch auch reich an Weltverneinung und arm an Freundschaft - von den Krumen unseres Anrufbeantworters leben.

Der Briefroman hätte also noch keinesfalls ausgedient. Das meiste, was uns aus diesem Genre heute erreicht, ist allerdings weit weniger verbindlich. Es sind Spiele, Rollenprosa-Spiele mit Brettfiguren. Da sitzt so ein fiktiver Schreiber und radotiert gegen Gott und die Welt. Gnädigerweise schickt er das Zeugs dann oft nicht ab. Aber wir müssen es doch lesen. Immerhin sagt hier noch jemand aus voller Brust: "Ich." Und wir können ihm antworten: "Ach du, Kopf hoch, ist doch halb so schlimm." Schlimm wird's aber, wenn der Autor sich ganz postmodern postulathaft verdrückt, wenn der Hirt seine Herde im Stich lässt. Dann geht's zu wie auf der Welt, wo der liebe Gott ja auch fehlt, und das nennen wir ja auch keinen guten Zustand.

Wenn also heute, gut zweihundert Jahre nach Rousseau, nach Goethe, in einem Briefroman nicht ein autorisierter, sondern gleich mehrere zugelassene Egozentriker "Ich" sagen, dann dürfen wir wohl kaum mehr herzbildende, emanzipatorische Innerlichkeit erwarten. Dann erwarten wir vielmehr das Miauen der Therapiegesellschaft.

Mit diesem zugegeben groben, herzlosen Wort versuchen wir die Wirkung anzudeuten, die Natalia Ginzburgs letzter großer Roman Die Stadt und das Haus (1984) auszuüben vermag, wenn man sich dem gut halben Dutzend Stimmen dieses Briefromans in aller Unschuld überlässt. Giuseppe, 50, Journalist mit Burnout-Syndrom, mit langen, dürren Beinen, die ihn schlecht durchs Leben tragen, depressiv, Ehe missraten, Sohn missraten, zieht von Rom weg nach Princeton, um in der lebenskräftigeren Atmosphäre seines Bruders seinem ausgedünnten Dasein irgendwie noch eine Chance zu geben. Dieser kühne Schritt, diese Flucht veranlasst nun eine Reihe von Freunden und Anverwandten, mehrere Exgeliebte, die patente Cousine, den traurigen Sohn, der in der Drogen- und Schwulenszene gelandet ist, aber auch Frau und Kind hat, plötzlich sehr anhänglich zu werden und dauernd Briefe zu schreiben, weil das Telefonieren auf Dauer doch sehr teuer ist. Nicht dass diese Briefe substanziell so viel anders wären als das, was man gewöhnlich in den Äther stottert: Es gab Hühnchen mit Bohnen, und anschließend gab's Salat, und das Leben ist so teuer, und was wer über wen denkt oder sagt, und dass man gerade eine schwierige Phase durchmacht, und der Boilerverbrauch, und Gott, wie die Zeit vergeht, und dass man ihn, Giuseppe, schrecklich vermisst und in Rom zurückhaben will ... Giuseppe im schönen rasenreichen Princeton liest dies alles mit Rührung, denn - ihm geht's nicht gut.

Seine Depression ist ihm vorausgeeilt, hat sich häuslich eingerichtet im Zimmer mit Bärchentapete bei Bruder und Schwägerin, die von Pfefferminztee und wissenschaftlicher Forschung leben und schrecklich anstrengend und langweilig sind. Wenn sie wissenschaftliche Gäste dahaben, sitzt Giuseppe abseits und schweigt. Wenn die Gäste gehen, bringt er sie zum Gartentor und nimmt dabei den Müll mit raus.

Das ist die Lage. Und so bleibt sie auch über volle 200 Seiten mit Lageberichten von diesseits und jenseits des Ozeans, der nichts weiß von all diesen hoch über ihm reisenden Unglücksdepeschen und den wir beneiden.

Menschen, die in Rom! leben oder im idyllischen Princeton beneiden wir nun nicht mehr. Denn es kommt noch schlimmer. Der Bruder stirbt, dann gleich das nächste Unglück, Giuseppe übernimmt dessen Frau, die er nicht leiden kann, verliebt sich dann noch in deren minderjährige Tochter, die die Mutter nicht leiden kann. Auch in Rom spielt das Schicksal böse Streiche. Die Ehe der Exgeliebten geht in die Brüche und hinterlässt einen traurigen Exmann. Die neue Liebe der Exgeliebten ist schon von vornherein ex. Der vaterlose schwule Sohn stirbt bei einer Schießerei den Heldentod und vieles Traurige mehr.