In Babylon, dem Land der Menschenschlächter, blühen die Sonnenblumen. Ein schöner Anblick, wie sie im warmen Licht stehen und die Blütenköpfe neigen, von einem Gärtnerheer in grünen Arbeitsschürzen liebevoll umsorgt. Im Reich der Tyrannin Abigaille wird überhaupt viel gesät, geharkt und gepflegt. Wenn die Herrscherin nach Rache dürstet, bekommen zuerst die Pflänzchen Wasser.

Natürlich wird auch kräftig gejätet. Das bleibt in einem solchen Staat nicht aus. Dann sind die Hände der Gärtner voller Blut. Und die Priester an Abigailles Hof sehen aus wie Bienen, immer emsig im Dienst der Herrin.

Lustige Antennenfühler und kleine Flügelchen tragen sie und ein mächtiges gelbschwarzes Hinterteil aus Plüsch, das sie rhythmisch hin- und herschwenken und aus dem stahlblitzend ein Stachel ausfährt.

So haben Hans Neuenfels und sein Bühnenbildner Reinhard von der Thannen Verdis Babylon auf die Bühne der Deutschen Oper in Berlin fantasiert, als eine Mischung aus Idylle, Travestie und zynischer Gewalt. Heiner Müller wird im Programmheft zitiert: "In der Zeit des Verrats / Sind die Landschaften schön." Aber beim Publikum rührte der Scharwenzeltanz der Plüschkampfbienen offenbar an einen ganz empfindlichen Nerv. Mitten im zweiten Akt rastete die Premierengesellschaft aus, entlud ihren Unmut in wütenden Buhattacken, lieferte sich tumultöse Wortgefechte und schrie am Ende des Abends Neuenfels so rabiat nieder, wie man es in der Oper nur noch selten erlebt. Weil da eine Priesterkaste mit einem Biene-Maja-Outfit lächerlich gemacht wurde? Wegen der ätzenden Kritik an einem alttestamentarischen Unterdrückungsstaat? Weil ein berüchtigter Regisseur einmal mehr die Opernkonventionen von gestern verhöhnt hat? Oder einfach nur zur Selbstvergewisserung, dass ein paar Lebensreflexe an der ästhetisch sonst mausetoten Deutschen Oper noch funktionieren? Der alte Abonnentenfresser Neuenfels, der ja auch ein Berlin-Veteran ist, braucht nur einmal kurz die Zähne zu fletschen und nach dem Parkett zu schnappen, und schon freut sich die verschnarchte Opernweltstadt Berlin dankbar über einen Skandal: Endlich wieder mal was los!

Dabei gibt Hans Neuenfels gar nicht mehr so umstandslos den Regieschocker und Stückeschänder, den man immer gerne in ihm sieht. Das obsessiv Bilderwütige spielt in letzter Zeit nicht mehr die dominierende Rolle. Mehr sophisticated und raffiniert ertüftelt als genial randalierend wirken seine jüngeren Inszenierungen. Neuenfels übt den distanziert analytischen Blick eines Theaterexperimentators, der in seinem Bühnenreagenzglas hochreaktive Materialien zusammenbringt und beobachtet, wie sie sich verhalten. Manchmal laboriert er dabei mit geradezu künstlichen dramaturgischen Versuchsanordnungen - wie vor zwei Jahren in seiner Stuttgarter Produktion von Mozarts Entführung aus dem Serail, als er die Figuren jeweils in ein sprechendes und ein singendes Ich aufspaltete und so der Oper ungeahnte Perpektivwechsel und einen wundersam surrealen Dialog über das Geheimnis des Singens an sich abgewann.

Auch für seinen Berliner Nabucco hat er ein Experiment formuliert: "Was, wenn ich Jude wäre, würde ich tun?" ist in roter Schreibschrift auf den grünen Wandelementen des Bühnenbilds zu lesen. Eine Frage, die auf den Gegenwartsbezug einer Opernstory zielt, die im biblischen Faltenwurf von Willkürherrschaft, Tyrannenwahn und Judenvernichtung handelt. Am Holocaust, so Neuenfels, kommt kein Nabucco-Regisseur vorbei. Und deshalb hat er seiner Inszenierung eine Kunstfigur mit dem Erfahrungshorizont von heute implantiert. Ein stummer Jüngling, der pantomimisch durch die Handlung surft und seine Gedanken und Befindlichkeiten in einen Laptop tippt. In gut brechtischer Verfremdung erscheint der Text auf einem großen Bildschirm über den Akteuren. Und der Regisseur hat ein Instrument, mit dem er die geradlinige Verdi-Dramaturgie aushebeln, neue Reflexionsebenen und subversive Störmanöver einbauen kann. Zwischen emphatischer Ergriffenheit ("Ich bin Gott") und dämlich pubertärer Selbstbespiegelung ("Das ist meine Freundin.

Sie heißt Dagmar") stolpert diese Kunstfigur durch die Akte, theatralisch meist entbehrlich, aber für Neuenfels der Undercover-Agent aus der Gegenwart, der die Verhältnisse zum Tanzen bringt. Der Schluss der Oper wird so regelrecht durchgestrichen und umgedreht. Die Befreiung des jüdischen Volkes findet nicht statt. "Hier endet der Text", lesen wir in der letzten Szene auf dem Bildschirm, die Juden sinken ermordet zu Boden. Abigaille wandelt über Leichen. Ein rabenschwarzes Finale.