Es ist sicher gut, wenn die Max-Planck-Gesellschaft ihre Vergangenheit erforscht. Aber ihrem Präsidenten Hubert Markl muss in einem wesentlichen Punkt widersprochen werden. Wenn er schreibt: "Entschuldigen können und müssen sich Täter bei ihren Opfern", dann schreibt er das wohl kaum in Unkenntnis der Tatsache, dass die Täter heute fast alle tot sind. So können Forscher ihrer Verantwortung nicht entgehen, sich dem Thema ehrlich zu stellen und den Kontakt zu den Opfern ihrer Großväter nicht meiden.

Ich weiß, wovon ich rede. Meinem Großvater Professor Otmar Freiherr von Verschuer ist der Großteil des Artikels von Ernst Klee gewidmet, auf den Markl Bezug nimmt. Ich beschäftige mich mit der Geschichte des Kaiser-Wilhelm-Instituts und mit Mengele seit 20 Jahren. Ich bin den Opfern Mengeles begegnet, und ich weiß, dass sie eine Reaktion zu ihren Lebzeiten erwarten. Die wissenschaftliche Aufklärung ist das eine - die Entschuldigung das andere. Erst das eine mit großer Verspätung zu betreiben und dann das andere zu tun, setzt auf Zeit, die die Opfer nicht haben.

Ernst Klee hat das Wissen über die Beziehung Auschwitz/Kaiser-Wilhelm-Institute präsentiert wie noch kein anderer vor ihm.

Das ist nicht bequem, aber es ist lehrreich. Ich war über meinen Großvater viele Jahre wütend, und doch habe ich mich heute mit ihm versöhnt. Das heißt für mich überhaupt nicht, dass ich deshalb seine Taten leugnen muss. Ich trage Verantwortung als Nachkomme, aber ich darf meinen Großvater trotzdem achten und lieben.

Ich glaube, dass wir eine neue Sichtweise brauchen. Deshalb ist es nach meiner Erkenntnis kein notwendiger Widerspruch, dass jemand ein hervorragender Wissenschaftler und dennoch zum Verbrecher geworden sein kann.

Dass Mengele notwendig ein Pseudowissenschaftler gewesen sein müsse, stelle ich in Frage. Sie entlastet zwar alle anderen Wissenschaftler zwischen 1933 und 1945, bringt aber keine interessanten Erkenntnisse für uns heute. Denn im Grunde gehörte Mengele damals mit zum Establishment deutscher Spitzenforschung. Seine Absonderung klärt nichts auf, sondern ritualisiert nur einen scheinbaren wissenschaftlichen Reinigungsprozess.

Nach all dem, was wir heute wissen, kann sich Markl heute schon entschuldigen, ohne dass das Forschungsprojekt vollendet ist.