Josef Offele ist Oberbürgermeister der Kreisstadt Ettlingen unweit von Karlsruhe. Seit drei Wochen macht die Kommune bundesweit Schlagzeilen - wegen schwindelerregender Luftgeschäfte der Industriegruppe FlowTex. "Da sind Dinge passiert, über die man hinterher ein Theaterstück schreiben kann", meint Offele, der selbst auch geschädigt ist. Der Megabetrug könnte der Stadt einen zweistelligen Millionenschaden bescheren.

Das sind kleine Fische, gemessen am Gesamtschaden zwischen zwei und drei Milliarden Mark. Betroffen sind an die 80 Leasinggesellschaften, kleine und große Sparkassen bundesweit sowie renommierte Geschäftsbanken - Dresdner, City-, Commerz-, DG- und HypoVereinsbank. Allein die Kreditinstitute sind mit mehr als 600 Millionen Mark dabei.

Dabei steckt die Addition der Verluste noch in den Anfängen. Nach dem allerersten Insolvenzantrag Anfang Februar gegen die Kernfirma der Gruppe, die FlowTex Technologie GmbH & Co KG, geraten nun weitere Firmen der Gruppe ins Trudeln, in Ettlingen, in Thüringen und in Bayern. Der Sprecher einer geschädigten Großbank meinte in einem Anflug von Galgenhumor: "FlowTex hätte eigentlich einen Innovationspreis des Landes Baden-Württemberg verdient." Das ist gar nicht mal so falsch, wenn man bedenkt, welch großes Rad das bislang bestenfalls ein paar Insidern bekannte Unternehmen gedreht hat.

Die Spitzenjongleure sitzen erst einmal in Untersuchungshaft: der schwergewichtige Kaufmann Manfred Schmider (50) und sein promovierter Diplomingenieur Klaus Kleiser (49). Eine Mitarbeiterin, Geschäftsführerin des Erfurter FlowTex-Ablegers Texcolor, hat sich vor wenigen Tagen selbst gestellt. Schmiders jüngerer Bruder wird als möglicher Vierter im Bunde gesucht.

Schmider und Kleiser sind die zentralen Inhaber eines vierteiligen Konzerns, dessen Teile jeweils von einer Holding kontrolliert werden. Mit dem Konzern sind eine Reihe von Gesellschaften über Treuhandverhältnisse verbunden. Die Gruppe hat über Dutzende Haupt- und Nebenfirmen im In- und Ausland operiert, zumindest auf dem Papier.

Der Kaufmann von Ettlingen und sein Partner hatten idealtypische Betrugsbedingungen: eine technisch und wirtschaftlich überzeugende Idee, prominente Förderer aus der Politik, willige Kreditgeber und last, not least selbst ein Höchstmaß krimineller Energie. "Dagegen ist kein Kraut gewachsen", meint Eberhard Braun, Rechtsanwalt aus Achern. Als Insolvenzverwalter muss er jetzt den Schutt wegräumen. Was übrig bleibt, an Firmensubstanz wie an flüssigen Mitteln, ist ungewiss. Bisher hat Braun hier und dort Konten sicherstellen lassen, 26 Millionen Mark in London und 20 Millionen bei einer deutschen Bank. Gut 200 Millionen bei fünf Schweizer Banken gelten als eingefroren.

Die Idee, die Schlüssel zum Betrug war, ist durchaus genial. Als Technologieimporteure kauften Schmider und Kleiser aufgrund einer in den USA erworbenen Lizenz "Erdvortriebsmaschinen zur unterirdischen Kabelverlegung".