In Großbritannien hat am Montag dieser Woche einer der aufsehenerregendsten Wirtschaftsprozesse des Landes begonnen. 231 ehemalige Mitglieder (names) des Versicherungsmarktes Lloyd's of London werfen dem Unternehmen vor, dass man sie in den achtziger Jahren absichtlich in den Ruin gelockt habe. 30 Kläger konnten sich den Gang zum Gericht überhaupt nur leisten, weil sie staatliche Rechtsbeihilfe zugesprochen bekamen. Die Verhandlung dürfte sich monatelang hinziehen. Jetzt dauert es erst einmal eine Woche, bis alle Klageschriften verlesen sind.

Die Geschichte kann man nur richtig verstehen, wenn man ein wenig über die Konstruktion von Lloyd's of London weiß: Die 300 Jahre alte Traditionsfirma ist nämlich keine Versicherung wie alle anderen. Lloyd's ist als eine Art Markt konzipiert: Wer dort eine Versicherung abschließen will, wendet sich zunächst an einen Berater, der dann seinerseits einen bei Lloyd's registrierten Versicherungsbroker beauftragt. Das Besondere an Lloyd's ist stets gewesen, dass sich die Broker auch um die ungewöhnlichsten Versicherungsrisiken kümmern - vom schlichten Autounfall über Minenexplosionen im fernen Dschungel bis hin zur Entführung durch Außerirdische.

Der Broker verhandelt dann seinerseits mit Vertretern der so genannten Lloyd's-Syndikate, also der Versicherungsgesellschaften, die am Versicherungsmarkt mitmischen. Das umständliche Prinzip geht noch auf das späte 17. Jahrhundert zurück, als Edward Lloyd nahe der Themse sein Kaffeehaus für Kaufleute unterhielt. Damals heckten die Gentlemen der Stadt bei Kaffee und Kartenspiel ihre Versicherungsgeschäfte aus, bei denen es um Schiffe und ihre Frachten ging.

Heute kommt das meiste Lloyd's-Versicherungskapital von Großinvestoren - doch bis zur Mitte der neunziger Jahre war das noch anders. Eine Vielzahl wohlhabender Privatleute aus Großbritannien und aller Welt konnte damals als Kapitalgeber bei Lloyd's investieren. Das brachte ihnen großzügige Renditen ein und außerdem Steuererleichterungen (in Großbritannien ist das besonders interessant, weil es zeitweise Spitzensteuersätze von 98 Prozent gab).

Der Haken war nur, dass sie im Gegenzug mit ihrem Gesamtvermögen hafteten - was viele nie so richtig ernst nahmen. In den achtziger Jahren wurde das erforderliche Mindestvermögen solcher names auf weniger als eine Million Dollar gesenkt - und zu Beginn der neunziger Jahre zählte Lloyd's einen Rekord von 34 000 Mitgliedern, darunter war übrigens auch eine Reihe von Deutschen.

Kurz darauf schlitterte Lloyd's von einem Desaster ins nächste und ging beinahe unter - das Unternehmen schrieb zeitweise mit acht Milliarden Pfund den größten Firmenverlust aller Zeiten. Das kam überwiegend durch den Asbestskandal, der Lloyd's rund vier Milliarden Pfund Schadensersatzforderungen aus den Vereinigten Staaten bescherte. Hinzu kamen Wirbelstürme und andere Katastrophen sowie eine Reihe Fehlentscheidungen des Management.

An einer Umschuldungsaktion von 1996 an beteiligten sich - unter reichlich Druck und hohen Verlusten - 34 000 Mitglieder und retteten das Unternehmen damit. Gefallener britischer Adel musste seine Landsitze und Erbstücke verkaufen, manche leben heute ohne Stromanschluss in Armut, es gab Selbstmorde und Fluchten. Hunderte Schuldner sind nach Angaben der Londoner Selbsthilfeorganisation United Names Organisation (UNO) gar nicht mehr auffindbar.