Es gibt wohl kein durchsichtigeres Material als das, aus dem Ehen gemacht sind." Arthur Schnitzler hat das geschrieben, in seinem Einakter Stunde des Erkennens (1914). In dieses Material schoss Robert Musil ein grelles, heißes Verhörlicht hinein. Das Material gerann und trocknete, bis zuletzt keine Eheleute mehr, sondern nur noch Struktur, Empfindung, Nerven übrig geblieben waren. 1921 waren sie fertig, Die Schwärmer. Figuren, eingedorrt bis auf ihre Seelen, ihr hochlyrisches Sprachzentrum. Es gilt für ihre Dialoge ungefähr das, was Tucholsky über den Ulysses gesagt hat: Das Ganze ist wie ein Fleischbrühwürfel, man kann es nicht essen, aber es lassen sich viele Suppen daraus machen.

Musil verzichtet auf äußere dramatische Vorgänge fast völlig, nur manchmal schlagen ein paar Türen, und das Licht ändert sich. Der Rest ist Vorgeschichte: Die Schwärmer hängen miteinander zusammen wie Feenwesen, die im selben Teich gefunden wurden, sich als kleine Feenkinder ewige Treue versprachen und das Pech hatten, sich als erwachsene Midlife-Feen nicht aus den Augen verloren zu haben. Also umschwirren sie sich noch immer, formieren sich zu Dreiecks- und Vierecksverhältnissen: Regine steht zwischen Anselm und Josef, und in dieses Dreieck wirft sich Thomas hinein. Anselm, der eigentlich Thomas liebt, raubt ihm die Ehefrau Maria, zuvor aber, als todernste Kür, umschwirrt er Marias Schwester Regine. Es ist nicht leicht, den Flugverkehr der Schwärmer zu rekonstruieren. Jetzt sind sie zwischen 30 und 35 Jahren alt und hatten noch keinen Touchdown, künstlerisch-akademische "Möglichkeitsmenschen" wie Ulrich aus Musils unvollendetem Roman Mann ohne Eigenschaften, immer auf der Suche nach der "unerfundenen dritten Möglichkeit".

Sieben Menschen kommen in dem Stück vor, ein Achter, Toter, an dessen Tod alle ein bisschen schuld sein wollen, liegt über ihnen wie ein Siegel. Indem sie reden, versuchen sie das erkaltete Siegel zu schmelzen und freizukommen.

Was die Schwärmer sagen, hat die Brillanz des Aphorismus, die Kraft der Selbstbezichtigung, die Endgültigkeit der Generalbeichte. Sie sind viel klüger als wir, was man über sie denken könnte, wissen sie immer schon selbst. Man kann ihnen bei keiner Entwicklung zusehen, denn sie sagen uns jede Entwicklung voraus.

Am meisten schätzen sie jenen Zustand des Nichtlebenmüssens, der sich beim Erzählen einstellt, und so haben sie beschlossen, mit dem Erzählen nie mehr aufzuhören. Sie erzählen am liebsten von ihren Seelen, die sie beschreiben wie großartige, unbewohnbare Landschaften. Sie steigen in ihr Inneres wie andere Leute in die Alpen. Aber außer Atem, an den Rand der Sprache kommen sie nie.

Schnitzler glaubte noch, "wo unsere Wünsche schlafen oder sich schlafend stellen", da verberge sich die Menschentiefe. Bei Musil reißt die Menschentiefe andauernd die Klappe auf, sie verbirgt sich nie. Wenn hier einer den Raum verlässt, dann nur, um bei der Rückkehr "Was war?" fragen zu können. Das ist ihre Taktik: Sie lassen einander in wechselnden Besetzungen kurz allein, damit die anderen ihre Geschichten vorantreiben können. Sie lieben es, sich selbst im Gespräch Wunden zuzufügen, und dabei sind sie wie blutende Hyänen, von denen es heißt, dass sie sich das eigene Gedärm aus der Wunde zerren und mit Appetit verspeisen.

Fräulein Mertens, die Gouvernante, die den Schwärmern immer von außen zusieht, sie bei ihren müden Verführungsflügen beobachtet, nennt sie "vulkanische Menschen, in denen ein Rest von der Schöpfung her noch nicht fest geworden ist".