Noch einmal James Krüss. Zwei Jahre nach seinem Tod wird ein bislang unentdecktes Manuskript veröffentlicht: Im Krug zum Grünen Walfisch. Wer Krüss kennt, kennt seine List, den Leser ins Reich der Fantasie zu entführen: "... Versuchend, unsere Kinder / In bösen Zeiten / Freundliches zu lehren". Diesmal allerdings klingt es weniger freundlich - wir schreiben das Jahr 1938.

Irgendwo an der Nordseeküste mitten im dicken Nebel stolpert der zwölfjährige Held völlig durchfroren in ein Gasthaus hinein - in den Krug zum Grünen Walfisch. Die behagliche Wärme kühlt aber schnell ab, als der Lütte - so alt wie der Autor damals selbst - in ein Spiel gezwungen wird, das zwei Gestapoleute vom Sohn der Wirtin ablenken soll. Man will Geschichten erzählen - wie einst Scheherezade dem König in Tausendundeinernacht.

Zu Beginn der sieben Erzählungen wird munteres Seemannsgarn abgespult, so scheint es. Nacheinander jedoch gesellen sich finstere Gestalten und düstere Parabeln dazu - kunstvoll miteinander verknüpft. Gebannt folgt man dem Sog nebulöser Verstrickungen, bis sich im letzten Akt schließlich die Rätsel lösen. So viel sei verraten: Alles wird gut für unsere Helden, und doch bleibt Beklemmung, Dunkles klingt nach: "Steinerne Männer, in deren Brust Rubine glühen, würfeln um unser Schicksal." Ein beinahe resignativer, ganz unkrüss'scher Missmut macht sich breit. Doch schliesslich ist der Meister unverkennbar: eine Melange aus Prosa, Gereimtem und Wortspielen. Und vor allem seine Maxime: Der Mensch lebt nur im Bewusstsein seiner jeweiligen Möglichkeiten fort. "Wir müssen wissen, was das Glück ist, wenn wir es suchen."

Im Krug zum Grünen Walfisch bildet den Auftakt zu einer Neuedition ausgewählter Werke und Klassiker von James Krüss beim Carlsen Verlag, drei weitere Bände sind erschienen. Das frische Streifendessin, mit dem Rotraut Susanne Berner die jeweiligen Einbände gestaltet und das an die Stoffbezüge von Strandkörben erinnert, erweist sich dabei als freundliche Würdigung an die Heimat des Autors: Helgoland.

James Krüss: Im Krug zum Grünen Walfisch Carlsen Verlag, Hamburg 1999 126 S., 16,- DM