Was Helmut Kohl ihm wohl zu seinem Siebzigsten wünscht am 3. März? Vielleicht denkt er wirklich, ohne seinen Weggefährten von einst könnte er den eigenen Siebzigsten am 3. April in aller Pracht und Geruhsamkeit feiern. Hätte der ihm bloß nicht die Sache mit den schwarzen Kassen angetan. Vielleicht also hält Helmut Kohl das Geburtstagskind Heiner Geißler, den Überbringer der schlechten Nachricht, für den wahren Übeltäter.

Das Mindeste, was man Geißler nachsagen kann, ist, dass er zu den politischen Profis zählt. Keiner würde heute noch behaupten, er habe mit seiner Enthüllung billig Gelegenheit nach Revanche gesucht. Es führte einfach kein Weg an der Wahrheit vorbei - und das wusste er. Aber es ist auch kein Zufall, dass die Wahrheit, die zu einem solchen Purgatorium führt, einen wie ihn braucht. Wie man sich über den Mann ärgern konnte! Grün und schwarz! Fast so wie Kohl heute. Furchtbar, wie er seine Gegner brandmarkte ("Fünfte Kolonne") oder niedermachte ("Ohne den Pazifismus der dreißiger Jahre wäre Auschwitz nicht möglich gewesen"). Unmöglich - den musste man kennen lernen. Einem Parteimann saß man da vis-à-vis, der für den Erfolg seiner Truppe wie kein anderer kämpfte

aber auch einem christdemokratischen Autonomen, der keinen Herrn hatte über sich außer dem einen.

Immer wollte er ganz hoch hinaus, der Extrembergsteiger der deutschen Politik. Immer vom Absturz gefährdet, aber immer von der Gewissheit getragen, die eigene Klugheit und Umsicht würden ihn davor bewahren. Wie oft er ganz vorn war, wenn es um das Erobern politischer Positionen ging, die Menschen ohne Lobby im Sozialstaat, die multikulturelle Realität, das Aufgehen des Nationalstaats in Europa! Auch das hat er immer so extrem scharf herausgemeißelt wie das "C", das er bis heute in "Menschenrechte" übersetzt.

Kein Zufall, dass es letztlich nur einer in der CDU war, der den Konflikt mit Kohl wirklich bis zum Ende austragen wollte. Geißler verlor, aber er stand auch allein. Mit seinem Urteil über die "führerkultische Partei" bekam er spät Recht. Seine Partei und seine Fraktion haben lange gewusst, was sie an ihm haben. Aber zu viele Jahre haben sie es dann auch ignoriert. Wie er präsent ist, zerfurcht, streitbar, aufrecht, aber ohne zu triumphieren, beweist, was für ein Ausnahmefall unter den Parlamentariern er ist.