Seltsam mutet es schon an, wenn laut ZEIT zu den "heute Dreißigjährigen" zwar ein Wiener Kabarettist zählt und ein österreichisches Online-Forum Aufschluss gibt. Ich aber, auch 1970 geboren (aber, ach!, in der Zone), und alle "meiner Zonengeneration", wir existieren gar nicht in einer nostalgischen Kindheitsrückschau. Bin ich der einzige ostdeutsche Leser? Habe ich verpasst, dass Österreich eingemeindet wurde? Eigentlich will ich gar keine Ost-Extrawurst, im Gegenteil! Die Extrawurst ist es gerade, die mir den Brechreiz in die Kehle treibt: Berichte über Zonis als skurril-exotische Affenschau beim Zoobesuch. Eigentlich. Eine Ost-Kindheit aber findet niemand im Leben (Bin ich tot?).

Ich jedenfalls erinnere mich an Gaslaternen, die jeden Abend einer anzündete und an denen sich klasse hochklettern ließ, um sich in Nachbars Garten Kirschen in den vitaminhungrigen Bauch wachsen zu lassen. Kindheit waren heiße Sommer, in denen Kinder mit leeren Krügen die Kneipen belagerten, weil es nur dort noch Bier oder Fassbrause gab, oder Menschenschlangen mit Thermosbehältern vor dem Eisladen. Zonenkindheit war, mit Oma und einem Handwagen voller Wäsche "auf die Rolle" zum Bügeln gehen oder mit Unmengen von Backbrettern voller Stollenteig zum Bäcker, damit die West-Verwandtschaft pünktlich ihr Dresdner-Stollen-Paket zu Weihnachten bekam. Oder, ach, der betörende Duft, der sich im Klassenzimmer ausbreitete, wenn einer das erste Stück grüne Gurke oder die erste Apfelsine des Jahres aß (das musste das Kind einer Verkäuferin sein!).

Brauchen wir jetzt vielleicht eine Zonenquote, nachdem sich trotz steter Querelen die Frauenquote einigermaßen bewährt hat? Oder sind "wir" so wenig selbstbewusst und so unbedeutend, dass wir jetzt nicht nur fremde Demokratie, sondern auch fremde Erinnerungen auswendig lernen müssen, um sie später als eigene zu verkaufen (nur nicht auffallen!)?

Ina Richter Leipzig