Das Grabmal der Astronomin Caroline Herschel ragt wider Erwarten nicht besonders hoch in den Himmel. Es ist bloß eine große schmucklose Steinplatte, die schwer auf dem Grab Nummer 21 des Gartenfriedhofs in Hannover liegt. Die eingemeißelten Buchstaben - rund gewaschen von der Zeit - sind nur mühsam zu entziffern, auch wenn Sonnenstrahlen durch die hohen Bäume fallen: "Hier ruht die irdische Hülle von / Caroline Herschel, / geboren zu Hannover am 16. März 1750, / gestorben am 9. Januar 1848."

Vor ihrem Tod hatte Caroline Herschel eine Vertraute gebeten, ihr eine Haarlocke des Bruders Wilhelm sowie einen alten Almanach des Vaters mit in den Sarg zu legen. Denn ohne diese beiden Männer wäre es ihr, dem eigenen Empfinden nach, kaum gelungen, Schranken zu durchbrechen: die Schranken des Himmels - und die Grenzen eines beschränkten Frauenlebens, das aus ihr beinahe ein "Aschenputtel" gemacht hätte.

"Ich hatte immer zuviel zu lernen, um etwas ganz zu lernen" - bitter spricht Caroline Lucretia, das zweitjüngste der sechs Herschel-Kinder, später über ihre Jugend. Die große Schwester hatte geheiratet, und so muss sie nun für die Brüder und die Eltern kochen, nähen, stricken und bei Tisch bedienen.

Lesen und Schreiben darf die Kleine lernen, aber Französisch- und Tanzunterricht untersagt die Mutter, die beschlossen habe, "daß ich ein roher Klotz sein und bleiben sollte, allerdings aber ein nützlicher".

Der Vater Isaak Herschel, selbst als Knabe zum Gärtner bestimmt, dann aber Musiker (beim Militär) geworden, ist anders, verständnisvoller. Heimlich gibt er der Tochter Violinunterricht. Durch ihn lernt Caroline die Sterne lieben, in klaren Nächten zeigt er ihr "einige unserer schönsten Sternbilder, nachdem wir vorher einen Kometen beobachtet hatten". Dem zwölf Jahre älteren Wilhelm und dem Vater schaut sie über die Schulter "bei Versuchen zum Zwecke naturwissenschaftlicher Studien"

der Bruder erklärt ihr den Globus, Äquator und Sonnenbahn. Neugierig lauscht Caroline den nächtlichen astronomischen Diskussionen im Hause Herschel. Manchmal schreitet die Mutter ein, "denn die Namen Leibnitz, Newton und Euler folgen für die Ruhe ihrer Kleinen doch zu laut daher".

Der geliebte Vater stirbt, als Caroline 17 Jahre alt ist. Die Brüder verdienen inzwischen als Musiker in der Fremde. Sie beginnt sich um ihre Zukunft zu sorgen: "Ich vermochte den Gedanken, daß ich ein Abigail (Aschenputtel) oder Hausmagd werden sollte, nicht zu ertragen."