Leiden

In letzter Zeit haben einige europäisch-amerikanische Meinungsverschiedenheiten ein Misstrauen, ja Interessenkonflikte zum Vorschein gebracht, die nicht als normales Partnergezänk abgetan werden können. Europas Kritik an der förmlichen, wenn auch fragwürdigen Ablehnung des nuklearen Teststoppabkommens durch den Senat übersah die ernsten Sicherheitsfragen, die sich für die Vereinigten Staaten stellten. Amerikanische Zweifel an der neuen europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik (ESVP) unterschätzen das - wenn auch noch unbeholfene - Bemühen Europas, mehr Verantwortung für die eigene Region zu übernehmen. Nun betrachten die Europäer, die vielleicht vergessen haben, wer sie 50 Jahre lang beschützt hat, uns als irregeleitet oder verantwortungslos, weil wir unsere Bevölkerung vor Raketenangriffen aus Schurkenstaaten schützen wollen.

Woher stammt dieser Impuls, den anderen zu verunglimpfen, zu übervorteilen - und, was am schlimmsten ist, einander das Vertrauen zu entziehen? Ist amerikanische Arroganz (die europäische Theorie), europäische Schwäche (die amerikanische Theorie) daran schuld? Ist es etwas von beidem - oder etwas ganz anderes?

Amerikas Erfolg ist augenfällig und umfassend. Seine militärische Überlegenheit wächst. Geschickte Entwicklung und Nutzung von Informationstechnologien hat die Produktivitätsrate angekurbelt, einen dynamischen neuen Wirtschaftszweig geschaffen, Arbeit und Leben der Menschen verändert. Die amerikanische Ideologie - Vertrauen in den Markt, Wettbewerbslust, Risikofreude, Geringschätzung des Staates - ist für Europäer zugleich unbequem und verlockend. Hat dieser Erfolg das Land zum Microsoft der Weltpolitik werden lassen - zu einer Macht, die allen ihre Maßstäbe aufzwingt, ihre Dominanz missbraucht, aggressiv gegen Herausforderer vorgeht und außerstande ist, ihre Arroganz zu beherrschen oder zu verbergen?

Die Indizien sprechen dagegen (obwohl die Rhetorik des Beschuldigten die Verteidigung erschwert). Bei all ihrer Macht verhalten sich die USA sorgfältig und verantwortungsbewusst. Wo sie besondere Sicherheitsverpflichtungen eingegangen sind - in Korea, in der Meerenge von Taiwan, im Persischen Golf -, haben sie Risiken auf sich genommen, die ihr Eigeninteresse bei weitem übersteigen. Die Europäer sollten sich freuen (und tun dies meistens auch), dass die Vereinigten Staaten ein überproportionales Maß an Verantwortung für den Frieden und gemeinsame Interessen in den explosivsten Erdregionen tragen. Wenn es schon einen großen Satan geben muss, dann lieber Amerika als Europa, meinen sie. Gerade die Praktiken, die in Europa missbilligt werden - das Umgehen des UN-Sicherheitsrats, der Aufbau einer nationalen Raketenabwehr, Handelsblockaden gegenüber Schurkenstaaten -, beruhen darauf, dass die USA Aufgaben und Gefahren auf sich nehmen, welche die Europäer ihnen gern überlassen.

Die andere Erklärung für die transatlantischen Missstimmungen - europäische Schwäche - bringt uns auch nicht weiter. Richtig ist, dass die Europäer mehr über Verteidigung reden, als sie dafür tun. Sie sorgen sich wegen des Balkans, bringen aber weder Sicherheitskräfte noch Geld genug auf, um die Instabilität dort zu beenden. Sie wollen Arbeitslosenraten senken, sind aber nicht bereit, schmerzhafte Umstrukturierungen zu ertragen. Und ihr stures Vertrauen in den Staat - selbst dann, wenn es darum geht, die Informationsrevolution zu organisieren - ist lähmend.

Allerdings tun die Amerikaner die ungeheuren Dimensionen des europäischen Integrationsprojekts allzu leichtfertig ab. Den Mut, mit dem Europas Staaten Souveränität an die Union abtreten, können die Amerikaner nicht nachvollziehen - wo sie doch (grundlos) fürchten, die Uno könnte ihnen zu viel von der ihren wegnehmen. Überdies machen die Europäer an vielen Fronten das Richtige. Großbritannien, Frankreich und Schweden reformieren ihre Streitkräfte. Die Osterweiterung der EU und sogar der Beitritt der Türkei sind beschlossene Sache. Überall wird dereguliert und privatisiert; das Internet erobert Skandinavien, Großbritannien und Italien. Europa geht in die richtige Richtung - wenn auch nicht schnell genug.