Morgens um sieben schläft Stephanie noch. Wie ruhig sie daliegt, so friedlich, so vertrauensselig. Ein erster Sonnenstrahl fällt auf ihre rötlich blonden Locken. Ist es ein Lächeln, das da ihre Lippen umspielt? Wovon sie wohl träumen mag? Ach, das sanfte Gesicht einer Schlafenden kann so viel erzählen. Was für eine Idylle. Was für ein Glück, Stephanie so nah zu sein. Was für ein Pech, dass Stephanie ein paar tausend Kilometer entfernt schläft, irgendwo in der Nähe von Washington, D. C. Was für ein Pech auch, dass ich sie bis zu diesem intimen Moment eben überhaupt nicht kannte. Der erste Eindruck soll ja sehr wichtig sein. Mein erster Eindruck von Stephanie: Sie schläft sehr schön. Mein zweiter Eindruck: Sie hat eine recht schöne Internet-Seite entworfen www.stvlive.com. Mein dritter Eindruck: Sie muss eine ziemliche Macke haben, sonst würde sie ja wohl nicht ihr ganzes Leben via Webcam live im Internet übertragen.

Falls es eine Macke ist, teilt Stephanie diese mit Tausenden von Menschen auf der ganzen Welt: Sie alle haben in den letzten Jahren eines Tages beschlossen, ihr Leben öffentlich zu machen. Das Internet macht's möglich. Im World Wide Web bildet der Einblick in fremde Schlaf- und Badezimmer schon seit Jahren die Grundlage eines blühenden Geschäftszweigs. Dass die RTL-II-Spanner-Serie Big Brother so viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat, kann nur daran liegen, dass es in Deutschland mit dem Internet doch noch nicht so weit her ist. Bisher kommen die 24-stündigen Live-Übertragungen aus dem Privatleben mehr oder weniger normaler Menschen vor allem aus den USA. Die meisten Webcams zeigen digitale Fotos, deren Aufnahmen alle paar Sekunden aktualisiert werden. Dank schnellerer Übertragungswege werden in sehr naher Zukunft Video- und Tonübertragungen an ihre Stelle treten. Absehbar ist auch, dass der Webcam-Boom bald auch in Deutschland richtig losgehen wird. Eine entscheidende technische Hürde wurde gerade beseitigt:Nachdem T-Online einen monatlichen Online-Pauschaltarif angekündigt hat, ist der Weg für die 24-Stunden-Standleitung ins Internet, wichtige Voraussetzung der Totalüberwachung, auch hierzulande frei. Der Wirbel um Big Brother wird ein Übriges tun, weitere Heerscharen von Selbstdarstellern vor die Webcams zu treiben. 16 000 Leute sollen sich um die zehn Plätze im TV-Gefängnis beworben haben. Das heißt: 16 000 Mitbürger haben sich darum gerissen, sich 24 Stunden am Tag abfilmen zu lassen. Und das sind nur die Leute, die den RTL-II-Aufruf zum Casting mitbekommen haben. Die Verschmähten mögen sich damit trösten, dass sie auch noch genug andere Möglichkeiten haben, sich zu veröffentlichen.

Vielleicht hat Stephanie ja auch gar keine Macke. Vielleicht ist sie ja einfach schon ein bisschen weiter als all die Offline-Wesen, die sich noch an tradierte Vorstellungen von Privatheit klammern. Vielleicht brauchen wir ja alle ein Upgrade unseres Privacy-Moduls. Früher, war Privatsphäre noch ein unbestrittener Wert an sich: Die war irgendwie gut, angenehm, die wollte man haben. Deswegen zog der Mensch zunächst in Höhlen, dann erfand er das Haus. Dann kamen die 68er und sagten: Alles ist politisch, gerade die Privatsphäre - und bauten in ihren WGs die Klo- und Schlafzimmertüren aus. Dann kam das so genannte Privatfernsehen und zerrte Nachmittag für Nachmittag das Intimleben der Bundesbürger ins Scheinwerferlicht ihrer Talkshows. Dann kam das Internet. Und zumindest technisch wäre es jetzt endlich möglich, dass jeder jedem rund um die Uhr bei allem zugucken kann. Wer sich über die kommerzielle Ausschlachtung der Intimsphäre irregeleiteter Big Brother- Insassen empört, übersieht leicht, dass dem voyeuristischen Interesse an deren Intimsphäre ein offenbar ebenso verbreiteter Hang zur Selbstenthüllung gegenübersteht. Nirgends lässt sich das so wunderbar beobachten wie im wild wuchernden Biotop namens Internet.

Auf den Webcam-Seiten entlädt sich ein über Generationen angestauter Selbstdarstellungsdrang. Sich der ganzen Welt darzustellen war bisher nur einigen Auserwählten vorbehalten - den Stars. Die nahmen das penetrante Interesse der Öffentlichkeit an ihrem Privatleben mehr oder weniger gequält hin als den Preis, den sie für ihren Erfolg nun mal zahlen müssen, und klagten darüber jahrzehntelang ihrerseits in etlichen Talkshows. Da aber der Mangel an Privatsphäre immer nur von glamourösen Stars beklagt wurde, mutierte er zu einer Art Statussymbol. In einem merkwürdigen Umkehrschluss lechzte nun das Celebrity-fixierte Publikum massenhaft danach, wenn schon nicht die Vorzüge des Starseins, so doch wenigstens etwas von deren Schattenseiten abzubekommen. Und hin und wieder funktioniert dieser Umkehrschluss tatsächlich: Immer wieder werden Leute durch das Aufgeben ihrer Privatsphäre berühmt. Einer der ersten Webcam-Stars war eine junge Frau namens Jenni. Ihre Jennicam lief (und läuft) rund um die Uhr und zeigt sie beim Zeitunglesen, Schlafen, Fernsehen, Sex. Ungefähr in dieser Beiläufigkeit. Damit unterschied sie sich grundsätzlich von den krassen Kommerz-Sex-Angeboten im restlichen Netz, zog bald 70 Millionen Besucher auf ihre Seite, wurde zur Kultfigur und geisterte durch alle wichtigen Magazine und Fernsehsendungen der USA. Anfangs war Jennicam noch kostenlos - purer Exhibitionismus. Später ließ sie sich nur noch per Kreditkarte begucken - ein florierendes Geschäft. Mit dem Jennicam-Faktor liebäugeln sehr viele andere Webcam-Seiten, die Grenzen zur Peepshow sind fließend, von den Akteuren nach Belieben einstellbar. Bei den meisten Live-Übertragungen aus den Wohn- und Schlafzimmern junger Damen steht Sex als unausgesprochene Möglichkeit im Raum - und als nach wie vor unübertroffenes Lockmittel. Da Sex aber anderswo im Netz schneller zu bekommen ist, geht es, jedenfalls bei den Seiten, die sich nicht ausdrücklich als Sexanbieter präsentieren, um etwas anderes. Aber um was? Die Vorstellung von der Verwandlung der eigenen Existenz in eine Ware hat etwas Gruseliges. Was auf diesen Seiten zu sehen ist, ist über weite Strecken denkbar unspektakulär: regungslose Menschen im Alltag.

Aber selbst das kann unendlich spannend sein: In der New York Trilogy von Paul Auster gibt es einen Helden, der als Privatdetektiv von seinem Schreibtisch aus einen Schriftsteller beobachtet, der in der Wohnung gegenüber am Schreibtisch sitzt und absolut nichts tut. Wie sich später herausstellt, hat jener Schriftsteller einen sehr ähnlichen Auftrag: Er beobachtet den Beobachter.

So sieht man auch auffallend oft die Webcam-Stars mit bläulich erleuchtetem Gesicht auf ihren Bildschirm starren - vielleicht beobachten sie per Webcam gerade jemanden, der jemanden per Webcam beobachtet. Beide wären gebannt. Die an sich völlig uninteressanten Alltagsbilder sind faszinierend, solange es noch neu und ungewohnt ist, fremden Menschen beim Schlafen zuzusehen. Sie funktionieren, solange sie als Gegengift zur Reizüberflutung wirken. Schon jetzt sind natürlich manche Seiten interessanter als andere - und so wie sich die Big Brother- Teilnehmer abmühen müssen, möglichst interessant zu sein, um nicht von den Zuschauern aus der Sendung hinausgewählt zu werden, gibt es auch im Internet einen Wettbewerb um die gelungenste Selbstinszenierung. Das Ausmaß ihres Charismas können die Webcam-Akteure jeden Tag an den Ziffern ihres Besucherzählers ablesen und an ihrem Tabellenplatz auf den einschlägigen Webcam-Link-Seiten. Dort wird ständig über die Beliebtheit verschiedener Webcam-Angebote abgestimmt. Ein ganz neues Genre der Popkultur könnte aus dem Cam-Kult hervorgehen: das ganze Leben als Performance, dargeboten von professionellen Lebenskünstlern. Einen Anfang hat die Online-Soap Here and Now gemacht www.hereandnow.net. Lange vor Big Brother wurde hier und jetzt damit begonnen, das Leben von sechs jungen Leuten rund um die Uhr mit Videokameras zu dokumentieren.

Mit bloßem Exhibitionismus oder kommerziellen Antrieben lässt sich der im Netz grassierende Selbstenthüllungstrieb nicht erklären. Die schöneren, eleganteren unter den Webcam-Seiten bieten auch schönere, elegantere Erklärungen ihrer Motivation an. Auf der Web-Seite www.about.com, einer Art Suchmaschine mit menschlichem Antlitz, wurden neulich einige Beweggründe von Webcam-Betreibern zusammengetragen. Da erklärt ein gewisser Al, Betreiber der Seite Al's Dark Corner: »Die Leute sind fasziniert vom Leben fremder Menschen, und mich fasziniert wiederum diese Faszination.« Die Tatsache, sagt er, »dass sich so viele Leute dafür interessieren, was ich gerade im Fernsehen gucke oder warum ich meine Wäsche noch nicht aufgehängt habe, finde ich umwerfend«. Zwar gebe es auch Besucher seiner Seite, die Al als »egozentrischen Spinner« beschimpfen - aber, so Al: »Damit kann ich leben«.