Die Freude im Namen des Volkes musste diesmal zurückstehen hinter der Empörung im Namen des Volkes. Drei Zentimeter große Lettern für den Sieg des FC Bayern München in Madrid, vier Zentimeter hingegen für den Spitzenerreger: Beamte mit 55 in Pension, titelte Bild am Mittwoch vergangener Woche, Ausrufungszeichen rechts, Ausrufungszeichen links. Mehrere Bundesländer wollen Staatsdienern anbieten, schon mit 55 Jahren in Pension zu gehen, jedenfalls solchen, deren Stellen nach dem Ausscheiden ohnehin wegfallen. Das spart Kosten, meinen die Länder. Weil sie aber wissen, dass Beamte nur auf ein besonders verführerisches Angebot anspringen, haben sie sich ein einzigartiges Lockmittel ausgedacht, den "goldenen Handschlag": nur 7,2 Prozent Abschlag bei der Pension. Statt 18 Prozent Renteneinbuße, die Beschäftigte der privaten Wirtschaft hinnehmen müssen - wohlgemerkt, wenn sie mit 60 ausscheiden, also fünf Jahre später als bei den Beamten geplant. "Ein Witz!", schimpft der Präsident des Sozialverbandes VdK; "Bedenken" hat der Bundesinnenminister. Davon hat sich der Innenausschuss des Bundesrates nicht irritieren lassen und den "goldenen Handschlag" mit großer Mehrheit abgenickt. Ob aber auch der Bundestag zustimmen wird, ist noch ungewiss.

Wie viele Privilegien sollen Staatsdiener noch bekommen?, fragen viele, die nicht dem Staat dienen, und: Warum brauchen Beamte heute überhaupt noch Privilegien? Ist das, was die von Steuerzahlern finanzierten Bediensteten leisten, tatsächlich besser, wertvoller, schützenswerter als die Arbeit der anderen?

Der Deutsche Beamtenbund verlangte vor zwei Monaten eine Erhöhung der Besoldung von vier Prozent in diesem Jahr. Weit mehr als der Inflationsausgleich, den die Bundesregierung den Beamten zugesagt hatte. Nun, kurz vor der Tarifrunde, fordern mehrere Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes fünf Prozent höhere Löhne und Gehälter für die (nicht beamteten) Beschäftigten im öffentlichen Dienst.

Ein schier unvorstellbarer Kostenberg türmt sich da in den kommenden Jahren auf. Jeder Prozentpunkt Gehaltsverbesserung bei den öffentlich Bediensteten kostet die Steuerzahler rund 3,2 Milliarden Mark. Und, weit erdrückender noch: Für die Pensionen der Beamten von Bund, Ländern und Gemeinden müssen die 36 Millionen Erwerbstätigen in Deutschland schon heute knapp 50 Milliarden, und in 40 Jahren voraussichtlich die gewaltige Summe von 237 Milliarden Mark aufbringen (siehe Grafik "Der gerupfte Staat" auf Seite 14). Bei Betrachtung eines Details wird die Riesensumme anschaulicher: In wenigen Jahren wird der Stadtstaat Hamburg 10 Prozent seines 20 Milliarden Mark umfassenden Haushalts allein für die Renten und Pensionen seiner ehemaligen Beschäftigten aufzubringen haben.

Heide Simonis, Ministerpräsidentin in Schleswig-Holstein, eine unermüdliche Mahnerin in Sachen Versorgungslasten, sagt esso: "Wenn nichts passiert, dann passiert etwas, unsere Haushalte werden uns nämlich um die Ohren fliegen." Vor allem die Länder sind es, die da ein schier unlösbares Problem auf sich zukommen sehen; fast alle geben Jahr für Jahr etwa 40 Prozent ihrer Haushalte für Personalkosten aus. Gewiss, die Beamten haben sich nicht selber eingestellt. Es waren immer Politiker, die Stellen schufen. Vielfach reagierten sie nur auf einen wohl begründeten Wunsch der Bürger. Da protestieren Eltern gegen den ständigen Stundenausfall in den Schulen, also mussten mehr Lehrer her. Da riefen Menschen nach mehr Sicherheit auf nächtlichen Straßen, also mussten mehr Polizisten her. Da beklagten sich Bürger über die fortschreitende Zerstörung der Umwelt, also musste es Umweltbehörden geben. Da wollten Frauen eine stärkere Beteiligung am politischen Leben, schon gab es Frauenministerien mit vielen neuen Beamtinnen. So ist es nicht verwunderlich, dass bei Bund, Ländern und Gemeinden fast 5 Millionen Menschen arbeiten, davon knapp 1,7 Millionen Beamte und Richter, 190 000 Berufs- und Zeitsoldaten und gut 3 Millionen Angestellte und Arbeiter.

Jeder siebente Beschäftigte arbeitet beim "Staat". Auf 1000 Einwohner, so hat der Bund der Steuerzahler berechnet, kommen 62 öffentliche Beschäftigte. Das sind - darüber werden sich langsam auch die Politiker klar - zu viele; jedenfalls in vielen Bereichen.

Wenn die öffentliche Hand weniger Menschen füttert und deshalb weniger Menschen öffentliche Dienste tun, muss das nicht bedeuten, dass Deutschland zum Nachtwächterstaat wird. Die Aufgaben, die Bürger dem Staat zuweisen, wird er auch weiterhin erfüllen können - vorausgesetzt, die Verwaltung organisiert sich deutlich effizienter. Sie müsste die Abläufe verbessern und die "Verwaltung der Verwaltung" abbauen. Was zu tun ist, hat Heide Simonis vorgerechnet: Beim Wohngeld beispielsweise werden 40 Prozent der gesamten Kosten von der Verwaltung verursacht.