Auf der Treptower Gewerbeausstellung 1896 in Berlin gab es ein, wie es damals hieß: Negerdorf zu sehen, das von echten Negern bewohnt wurde. Das Publikum konnte ihnen beim Backen, Kramen und Plaudern zusehen. Die Verführung ist groß, in dem Big Brother -Haus, das derzeit von dem Fernsehsender RTL 2 ausgestellt wird, ein ebensolches, wenn auch zeitgenössisch angepasstes Negerdorf zu sehen. Denn die Bewohner sind von dem Sender keineswegs als die "ganz normalen Menschen" ausgewählt worden, von denen der Moderator kokett sprach. Vielmehr wurde erkennbarer Wert auf jene exotische Differenz gelegt, die ein quasi koloniales Gefälle zwischen dem Publikum und seinen Beobachtungsobjekten begründen kann. Die monströsen Tätowierungen von John, der Sextelefonistinnenjob von Jana, das dämliche Käppchen, die Sonnenbrillen und Macho-Attitüden von Alex, die groteske Selbstverliebtheit von Manuela sind geeignet, tausend Fantasien blühen zu lassen und im Laufe der Sendung auch bestätigt zu finden.

Es liegt eine beängstigende Konsequenz in dem Umstand, dass ausgerechnet der schlichteste Mensch von allen als Erster "nominiert" wurde, das Haus zu verlassen. Die Rumänin Despina trug ein adrettes Kostümchen, wo alle anderen in grellbunter Freizeitkleidung herumlümmelten. Sie hat bei keinem geschmacklosen Scherz gelacht noch selbst einen solchen gemacht. Sie hielt sich mit vorsichtigen Bewegungen und einem vorsichtigen Lächeln abseits, sie war "zu labil" (Jürgen), "ein bisschen zu ruhig fürs Haus" (Jana), sie kam "selber mit der Situation nicht klar" (John).

Dort kam es zu einer heftigen, dann abgebrochenen Affäre; zu weiterem aber nicht. Deshalb hat RTL 2 die Regeln entscheidend verschärft, ein Dutzend Schikanen erfunden, die Nahrung kontingentiert, Verbindungen zur Außenwelt unterbunden, das Warmwasser in der Dusche auf eine Stunde am Morgen begrenzt, um die Bewohner zu frühem Aufstehen, Übermüdung und allerlei Rangeleien zu nötigen. Vor allem aber hat RTL 2 nicht nur auf eine hinreichend exotische, sondern auch konfliktträchtige Kandidatenauswahl geachtet.

Der Kampf der Bewohner gegen den Sender

Das ist nicht ohne Raffinesse geschehen. Bei manchen der Auserwählten liegen die Ticks und Manien offen zutage, an denen die anderen sich reiben können; bei anderen sind sie im Charakter versteckt oder im ungreifbar Seltsamen der Erscheinung. Der seltsamste Fall ist gewiss jener Zlatko, ein gutmütiger Automechaniker aus dem Schwäbischen, der aber nicht nur den Theaterspaßmacher Christoph Schlingensief sofort an einen Söldner denken ließ. Schlingensief hat seine satirische Fantasie in einem bizarren Text für die Frankfurter Rundschau artikuliert, in dem er den braven Mann "als einen der übelsten und brutalsten Typen" bezeichnet, "den ich jemals kennengelernt habe. Er kommt aus dem Osten, hat rumänische Vorfahren und kämpfte zu Zeiten des Kosovo-Krieges, der als Vorlage für Big Brother herhalten muss, auf deutscher Seite gegen die Kosovo-Albaner."

Schlingensiefs Erfindungen sind offensichtlich absurd; sie zielen aber auf die ebenso offensichtlich unfriedlichen Absichten, die der Sender verfolgt. Noch ehe Zlatko jedoch mit seiner autoritär-rustikalen Art ("Hühnerkopfhirn, das ist was Leckeres, mit Strohhalm aussaugen") eine Gefahr werden konnte, haben die Gruppe und mit ihr die Zuschauer schon reagiert und ihn als nächsten möglichen Auszugskandidaten nominiert. Des Weiteren haben sie Thomas genannt, der sich als eifersüchtiger Zwangsneurotiker erweisen könnte, er "versucht krampfhaft, etwas zu spielen" (Jürgen), "ist mir zu kamerabewusst" (Despina).

Die Strategie der Gruppe ist klar; sie ist mit kurioser Konsequenz den Absichten des Senders entgegengesetzt. Die Gruppe versucht den sozialen Frieden zu erhalten, den sie eingangs verblüfft feststellte ("Wir sind alle so auf demselben Level") und den sie nun gegen Bedrohungen verteidigen will ("Was in der Gruppe stattfindet, ist total hart, weil das Foppen jetzt anfängt"). Der Sender dagegen will den sozialen Frieden stören, damit die Sache spannend bleibt und die Zuschauerquote nicht weiter sinkt; vor allem aber, weil der Sender weiß, dass er gegen eine solidarische Gruppe machtlos wäre: "Wenn sich das Team geschlossen verweigert, dann können wir uns auf den Kopf stellen, das nützt gar nichts" (Axel Beyer, Unterhaltungschef bei Endemol).