Die Stadt ist schön. Die Stadt ist vertraut. Die Stadt ist ein Theater, und das Stück wechselt nie. "Begegnung, Abschied, Wiedersehen." Wie oft schon: Bologna im Halbdunkel, dem magischen Dämmer seiner Arkaden, 40 Kilometer Kulisse für Träume; Passagen, von Geheimnis durchweht. Gehen, ziellos treiben durch das Labyrinth der Bogengänge, sich verlieren in Licht, Schatten, Farben, Gesichtern.

Wieder in Bologna! Nur diesmal nicht ziellos. Bologna träumt, Bologna hat Zeit? Denkste. Unter den Portici nur Hasten und Eilen, Augen hinter Sonnenbrillen, Dramen am Handy. Schnell, schnell. Es gibt eine Verabredung zum Interview: mit Gildo.

Bologna, Via Rizzoli, Büro der Associazione Nazionale Partigiani d'Italia. Draußen rast der Verkehr. Drinnen steht die Zeit. Fahles Neonlicht, alte Männer vor alten Schreibmaschinen, hinter sich an der Wand Fotos, Bilder, Flaggen, Abzeichen - die Symbole einer rot illuminierten, heroisch erlebten Geschichte. "Sagen wir du!" Gildo, im Herzen compagno, für immer. Den Gast aus Deutschland berührt die Geste, die Begegnung mit dieser Vergangenheit; etwas, unaussprechlich, trifft den Nerv auch des später Geborenen. Und etwas schreit nach Gegenwart.

Mayla, dein Auftritt! "Bologna? Hier zählt der Augenblick. Alles hängt davon ab, wie man sich zeigt, präsentiert, verkauft." Mayla Maiaroni, Body Artist und Face Stylist; Mayla in ihrem Studio, keine 800 Meter und doch eine Welt entfernt von der letzten Bastion der Resistenza; Mayla, 27 Jahre jung, die extrovertierte Freundin von Models und Fotografen, die Muse von Gays und Transvestiten, an denen wiederum sie ihr kreatives Talent auslässt: Makeup, Tätowierung, Piercing, Zahnschmuck aus Diamanten. Eine raffinierte Kunst am Körper; erlernt an der Accademia delle Belle Arti, erprobt im Fegefeuer der Eitelkeiten, dem nächtlichen Inferno von Rimini. Sich selbst setzte sie eine japanische Geisha auf die Schulter, ein Tattoobild von Schönheit und Ewigkeit. Mayla oder die täglich neue Selbsterschaffung durch Gesten, Zeichen, Accessoires. "Sieh es so: Ich bin mein eigener Gott."

Bologna, zwischen Erinnerung und Neuerfindung. Eine schillernde Stadt, meint Mayla: trügerisch wie ein Vexierbild, ein Ort der doppelten Wirklichkeit. "Du glaubst, du warst hier, aber du hast nur die Postkarten gesehen." Bologna mit den mittelalterlichen Palazzi, den roten Dächern, den schiefen Türmen. Alle Straßen führen nach Rom, dabei könnte jede italienische Reise getrost hier ein Ende finden. Doch alle Welt will nach Florenz und lässt Bologna links liegen. Die am meisten unterschätzte Stadt Italiens: "Du sagst, du kennst sie, und du kennst nur die Stereotype." La rossa, la grassa, la dotta: Bologna, das sich mit Papst, Duce und Führer anlegte, den Nabel der Venus als Tortellino auf die Speisekarte setzte und immer schon intellektuelle Zampanos wie Umberto Eco an seine Uni lockte, natürlich die älteste in Europa.

Rot, fett, gelehrt. Und dazu noch gaia e gaudente, fröhlich und ausgelassen. Fortschrittsgläubige aller Länder pilgerten nach Bologna, das europäische Kuba, um die paradoxe Verbindung von rotem Rathaus, effizientem Management und linkem Savoir-vivre zu bestaunen. Jahrzehntelang mästete man den Mythos. Dann, vergangenen Juni, kam der Knall: der überraschende Wahlsieg einer Mitte-Rechts-Koalition, den die Gewinner als "Fall der Mauer von Bologna" feierten. Das Desaster der Linken - Folge der Verunsicherung über eine dramatisch gestiegene Kriminalität, immer mehr Drogen unter Bolognas Arkaden und die offenbar nicht integrierbaren Zuwanderer aus Afrika.

"Wir haben nicht aufgepasst, den Verfall in der Stadt, die Frustration zu leicht genommen." Gildo, selbstkritisch und voll böser Ahnungen. Denn ein Gespenst geht um in Europa und neuerdings auch in Bologna, es ist der fesche Populist aus Kärnten. - "Wir brauchen überhaupt neue Antworten. Das Modell Bologna hat ausgedient." Auch sie kämpfe, beteuert Mayla, nur eben nicht für die Masse, sondern für die Freiheit des Ich. La rossa, für sie nichts als eine Legende, eingeholt von der Wirklichkeit, von einer Zeit, die alles bietet - nur keine eindeutige Identität mehr, an die einer sich halten kann.