Ute Nass fühlt sich "wie ein Sektkorken auf der Flasche". Auf der Wiese hinter ihrem Gartenzaun soll in zehn Jahren ein Beschleunigertunnel des Deutschen Elektronen-Synchrotrons (Desy) enden. Ihr Haus sei nicht gefährdet, haben die Physiker vom Desy versprochen. Nur auf dem Nachbargrundstück im holsteinischen Westerhorn würde ein Schacht aus 25 Meter Tiefe emporsteigen. Ute Nass hat gegen den Forschungstunnel an sich gar nichts einzuwenden, aber "möchte einfach definitiv wissen, wann etwas passiert". Das jedoch wissen selbst die Physiker am Desy in Hamburg nicht genau. Denn der 33 Kilometer lange unterirdische Tunnel von Hamburg nach Westerhorn im Landkreis Pinneberg ist erst in der "Vorplanungsphase", und noch ist ungewiss, ob die Bundesregierung dem Großforschungsprojekt ihren Segen geben wird.

In dem Tunnel soll der neue Teilchenbeschleuniger Tesla (Tera-Elektronenvolt Energy Superconducting Linear Accelerator) gebaut werden. Mit ihm wollen die Wissenschaftler unter anderem das geheimnisvolle Higgs-Boson nachweisen, das laut Theorie allen anderen Elementarteilchen ihre Masse verleiht. "Bisher haben wir kleinere Gipfel erklommen", sagt Desy-Chef Albrecht Wagner, "jetzt wollen wir den Mount Everest besteigen - das Higgs-Boson ist der zentrale Baustein, der uns im Theoriengebäude der Physik noch fehlt." Zwar steht das begehrte Teilchen auch auf dem Arbeitsprogramm des Ringbeschleunigers LHC in Genf, der voraussichtlich im Jahr 2005 in Betrieb geht. Doch der LHC erschließe nur einen Teilbereich in der Untersuchung kleinster Strukturen. Daher steht ein energiereicher linearer Beschleuniger auf dem Wunschzettel vieler Teilchenphysiker - nicht nur in Deutschland.

Würde der Tesla-Tunnel in Deutschland gebaut, führte er von Hamburg aus durch 15 Gemeinden Schleswig-Holsteins bis zum Gartenzaun von Ute Nass. Bis Anfang 2001 wollen die Planer einen Entwurf fertig stellen und dem Wissenschaftsrat nebst Kostenvoranschlag zur Begutachtung vorlegen. Tesla dürfte mehrere Milliarden Mark kosten, und selbst wenn sich andere Nationen wie geplant zur Hälfte beteiligen, ist dieser Preis hoch. Vielleicht zu hoch? "Alles können wir nicht finanzieren", sagt Wolf-Michael Catenhusen, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung. Den Physikern prophezeit er einen zunehmenden Konkurrenzkampf um Forschungsmittel. Nicht nur, dass man ihre Wünsche mit jenen von Genforschern oder Informatikern "ausbalancieren" müsse, auch innerhalb der Physik konkurrieren mehrere Großprojekte ums Geld: der Internationale Fusionsreaktor ITER, die Europäische Neutronenquelle ESS und der Linearbeschleuniger Tesla. Da komme es auch darauf an, meint Catenhusen, wie die Forscher die Relevanz ihrer Projekte der Politik und Öffentlichkeit erklären. "In Zukunft läuft das Spiel jedenfalls nicht mehr nach dem Motto: Wir wissen, wie gut wir sind, und das Ministerium besorgt schon das Geld."

Wie es um die Diskussionskultur der community steht, zeigte unlängst eine Polemik des Teilchenphysikers Hans Graßmann, die der Spiegel unter der Überschrift Sperrt das Desy zu abdruckte. Das Hamburger Großforschungslabor verschlinge jedes Jahr 250 Millionen Mark und liefere "nur irrelevante und langweilige Ergebnisse", hieß es darin, und "ob das Proton bei einer bestimmten Energie 200 oder 205 Gluonen enthält, das ist nicht mehr wert als drei oder vier Doktorarbeiten". Starker Tobak aus den eigenen Reihen - das sind Naturwissenschaftler nicht gewohnt. "Die Vorwürfe sind nachweislich falsch", kontert Desy-Chef Albrecht Wagner. Die Relevanz wissenschaftlicher Arbeit lasse sich objektiv bewerten, nämlich danach, wie oft sie von anderen zitiert werde: "Auf einer Bestsellerliste der meistzitierten Beschleunigerexperimente der letzten zwei Jahre belegen die Ergebnisse unseres Speicherrings Hera die Plätze eins bis vier und sechs."

Bis abends um elf inspizierten Landwirte den Beschleuniger

Selbst die Konkurrenz aus Stanford, wo man die Diskussion aufmerksam verfolgt, lässt auf die Leistungen des Hamburger Labors nichts kommen. "Ich halte von Graßmanns Vorwürfen gar nichts", sagt Burton Richter. "Desy ist eines der wichtigsten Forschungsinstitute in unserem Fachgebiet." Doch als der Spiegel die Kontrahenten zu einer Podiumsdiskussion lud, machte auch das Desy keine gute Figur. Die Wissenschaftler drohten der Veranstaltung fernzubleiben, sollte Graßmann mit auf dem Podium sitzen. Also diskutierte man ohne den Kritiker.

Dabei haben die Forscher bei der Vorplanung des Tesla-Beschleunigers durchaus Feingefühl bewiesen. In einer Reihe von Anhörungen und Informationsveranstaltungen standen Desy-Mitarbeiter den Anwohnern der Trasse Rede und Antwort. Am Tag der offenen Tür, den das Desy für die betroffenen Gemeinden veranstaltete, kamen 3500 Menschen. "Das waren zum Teil Landwirte, die morgens noch auf dem Trecker saßen", erinnert sich Desy-Sprecherin Petra Folkerts. "Einige sind bis abends um elf durch die Beschleunigeranlage spaziert." Keine Spur von Technologiefeindlichkeit.