So wird man Boss

In der Diktatur kommen die Idioten durch Gewalt und Intrigen an die Macht", schrieb der Satiriker Gabriel Laub, "in der Demokratie durch freie Wahlen." Das mag in Österreich so sein oder auf dem Balkan. Bei uns aber, im zivilisierten Mitteleuropa, wird stets der Stärkste, der Klügste, der Beste auch der Chef. Oder?

Bei solch schicksalsschweren Fragen empfiehlt es sich, einen Schritt zurückzutreten, den Blick vom brodelnden Chaos der CDU abzuwenden und in jene Bereiche zu lenken, in denen strenge Naturgesetze wie das vom survival of the fittest seit ewigen Zeiten für klare Verhältnisse sorgen.

Jürgen entdeckte einen Haufen Blechkanister, schlug sie gegeneinander, fand daran Gefallen, schlug daher mit wachsender Begeisterung immer mehr Kanister immer heftiger so laut aufeinander, dass unter dem Geschepper und Getöse die ganze Affenhorde vor Ehrfurcht erstarrte und dachte: Wer zu solchem Tun imstande ist, der ist auch zu Größerem fähig und wird jeden Feind in die Flucht schlagen. Bei Jürgen fühlen wir uns sicher und geborgen. Die Horde kürte Jürgen auf der Stelle zum neuen Boss.

Wer nach oben will, muss trommeln: Von dieser Erkenntnis hat nicht nur Jürgen W. Möllemann profitiert. Der ließ sich von Zeit zu Zeit mit dem Fallschirm auf die Erde fallen, in die Volksmenge und vor die Linsen der Kameras. Prompt stieg er auf ins Auswärtige Amt und brachte es schließlich zum Bildungsminister. Der FDP-Mann aus Münster ist dann zwar über Vetternwirtschaft bei der Vermarktung eines Plastikchips für Einkaufswagen gestolpert. Aber dass man um fünf Uhr früh aufstehen und in den Morgenmagazinen allgegenwärtig sein muss, hat er nie verlernt. Jetzt ist er in Nordrhein-Westfalen wieder Spitzenkandidat bei der Landtagswahl.

Auch Heringe suchen Orientierung

Trommellärm muss aber präzise dosiert werden; das erfuhr der niedersächsische CDU-Vorsitzende Christian Wulff. Als Kohl vom Sockel stürzte, Koch ins Taumeln geriet, Kanther fiel, Schäuble sich trollen musste und Rühe auf die Loser-Spur geriet, witterte der junge Wilde Morgenluft. Von Stund an bevölkerte er die Talkshows, auf allen Kanälen. Als er dann merkte, dass er es mit dem Trommeln wohl ein wenig übertrieben hatte und die Sache an ihm vorbei auf Merz und Merkel zulief, verstummte er. Aber nur, um sich alsbald mit neuem Tamtam zurückzumelden: diesmal für die Generalsekretärin. Gewinnt Angela Merkel, wird sie es ihm mit einem hohen Amt danken müssen.

Das Affenprinzip "Auffallen durch Trommeln" gilt von Kindesbeinen an. Nicht die leisen und empfindsamen Jungs werden zu Indianerhäuptlingen oder "Bestimmern" gekürt. Respekt erzielt, wer am lautesten schreit: "Mir nach!" Wer die schlimmsten Mutproben übersteht, wird Bandenführer. Und zum Klassensprecher steigt auf, wer dem Lateinlehrer gegenüber die frechste Lippe riskiert. Auch Helmut Kohl soll schon als Erstklässler seine Mitschüler herumdirigiert haben.

So wird man Boss

Die abrupten Richtungswechsel müssen indes keineswegs immer einen realen Anlass haben. Wissenschaftler entfernten einmal einem Hering das Sozialisationszentrum aus dem Gehirn und setzten den Gehirngeschädigten zurück in den Schwarm. Der Behinderte kümmerte sich nun überhaupt nicht mehr um das, was die anderen machten. Er schwamm hierhin, schwamm dorthin, wie er gerade lustig war. Chaotisch. Aber so unbeirrbar, dass die anderen Fische ihm beeindruckt überallhin folgten und auch noch die verrücktesten Zickzackbewegungen mitmachten. So avancierte der Gehirnamputierte zu einem von der Schöpfung gar nicht vorgesehenen Daueranführer.

Auch von diesem Heringsprinzip können Aufstiegswillige Nutzen ziehen. Man muss nur kühne Behauptungen aufstellen, sich selbst und anderen irgendetwas ganz entschieden einreden oder einfach blind vorwärts stürmen - dann werden die Leute einem schon folgen. Wie das geht, zeigen Gurus, Yogis, Trendforscher und Schamanen oder Managementtrainer. Wie macht man aus anämischen, kurzsichtigen Hierarchen Verkaufskanonen, Großmotivatoren und draufgängerische Unternehmensführer?

Die Gurus der Managerfortbildung behaupten, es genüge, die Männer über glühende Kohlen laufen zu lassen, sie an den Polarkreis zum Überlebenstraining abzukommandieren oder in den Wald, wo sie sich bei allerlei Kriegsspielen mit Farbbeuteln bewerfen dürfen. So holen die alt gewordenen Buben nach 30 Jahren endlich jene Mutproben nach, vor denen sie sich in ihren Kinderbanden immer gedrückt haben. Und dann aber: Mir nach!

Der Friseur Gerhard Meir war ein Friseur wie jeder andere, bevor es ihm gelang, der Fürstin Gloria von Thurn und Taxis Vogelnester, schiefe Türme und Hahnenkämme auf den Kopf zu setzen und die Medien davon zu überzeugen, bei diesen Aufbauten handle es sich um Kunst. Seitdem ist Herr Meir nicht mehr irgendein Friseur, sondern der Friseur an sich. Die Stars strömen zu ihm und hinterlassen viel Geld, nicht für die Frisur, sondern für die Gewissheit, nichts falsch gemacht zu haben.

Nicht nur Gänse wachsen im Amt

Marcel Reich-Ranicki, der Koch Alfons Schuhbeck, jedes Gebiet hat seinen Trendpapst, und Matthias Horx überblickt sie alle. Kaum hatten die ersten Redakteure geschrieben, Tennis sei zum Massensport verkommen, und wer sich als Individualist beweisen wolle, der müsse nun golfen, stürmten die Individualisten einander nach sofort massenhaft auf den Golfplatz, um unter den anderen 100 000 golfenden Individualisten die Ersten zu sein. Würde Schuhbeck heute verkünden, die Blutwurst habe unnachahmlich gewonnen an Geschmack und Raffinement, träfen die Reichen und Schönen sich ab morgen nur noch im Blunzen-Bistro.

Ja, es gibt große Sehnsucht nach Führung, Anbetung, Unterwerfung. Und da die Welt täglich undurchschaubarer wird, brauchen wir Navigatoren, die uns mit der Unerschütterlichkeit des gehirnamputierten Herings davon überzeugen, dass das X in Wahrheit ein U ist. Es macht nichts, dass die Dschungelführer genauso orientierungslos sind wie wir und uns im Kreis herumführen. Denn erstens merken wir das nicht, und zweitens ist es völlig egal, wohin die Reise geht: Wo wir auch ankommen, ist Dschungel. Aber da wir einem Papst gefolgt sind, den wir fürstlich entlohnt haben, dünkt uns, sein Ort sei doch ein wenig lichter und stechmückenfreier.

So wird man Boss

Auch in der Politik funktioniert das Heringsprinzip dann und wann. Helmut Kohls Entschlossenheit, sein Ehrenwort übers Gesetz zu stellen und damit seine Partei an die Wand zu fahren, wurde zumindest in Hamburg und Bremen frenetisch bejubelt. Und die kühne Art, wie Hessens Ministerpräsident Roland Koch durch "brutalstmögliches" Kleben an seinem Stuhl verlorenes Vertrauen zurückerobert, hat die ganze hessische CDU berauscht. Andererseits werden in der Politik, in der Wirtschaft oder der Armee die nackten Kaiser schnell von den echten geschieden; durch Wahlen, Bilanzen oder Schlachten. Wer es in der Politik zu etwas bringen will, sollte also eher aufs Geflügel achten.

Bei Gänsen wird die Hackordnung gleich zu Beginn geregelt. Kaum sind sie geschlüpft, beginnt eine Art Ausscheidungswettkampf, während dessen die Gänse so lange aufeinander einhacken, bis ein Champion übrig bleibt. Dabei gewinnt aber keineswegs immer der größte und kräftigste. Wie bei den Schimpansen haben ganz mittelmäßige Kameraden Chancen. Es hängt nur davon ab, wer zuerst an wen gerät.

Auch eine andere Gans namens Helmut Kohl war ursprünglich einmal ein lächerliches Leichtgewicht. Aber er verfügte über schwarze Futtertröge, mit deren Hilfe er über die Jahre einen Konkurrenten nach dem anderen aushebelte, und je länger er regierte, desto gewichtiger wurde er. Bis er zu schwer wurde und alles platzte. Deshalb weht jetzt ein Merz-Wind in der Union. Womit wir bei der Frage nach den Chancen von Angela Merkel wären.

Einerseits: Sie ist eine Frau. Sie kommt aus dem Osten. Sie trommelt, wenn, dann für die Partei. Sie stürmt nicht heringsgleich blind voran. Als es die DDR noch gab, war sie in der Kirche engagiert, was auf einen wenig biegsamen Charakter schließen lässt. Man muss sogar befürchten, dass sie das C im Firmenschild wieder ernst und die Verfassung wörtlich nimmt. Das macht sie für die Herrschaften zu einem unkalkulierbaren Risiko.

Andererseits: Genau nach solch einer Person sehnt sich das Volk und ruft begeistert "Angie!" Volker Rühe hat bereits verstanden. Allerdings, siegt Angie tatsächlich, dann sind wir gespannt: Wann fordert der Erste, dass einer aus dem Old Boys Network doch besser geeignet wäre? Das Spiel der Trommler, Heringe und Gössel geht weiter.