Die abrupten Richtungswechsel müssen indes keineswegs immer einen realen Anlass haben. Wissenschaftler entfernten einmal einem Hering das Sozialisationszentrum aus dem Gehirn und setzten den Gehirngeschädigten zurück in den Schwarm. Der Behinderte kümmerte sich nun überhaupt nicht mehr um das, was die anderen machten. Er schwamm hierhin, schwamm dorthin, wie er gerade lustig war. Chaotisch. Aber so unbeirrbar, dass die anderen Fische ihm beeindruckt überallhin folgten und auch noch die verrücktesten Zickzackbewegungen mitmachten. So avancierte der Gehirnamputierte zu einem von der Schöpfung gar nicht vorgesehenen Daueranführer.

Auch von diesem Heringsprinzip können Aufstiegswillige Nutzen ziehen. Man muss nur kühne Behauptungen aufstellen, sich selbst und anderen irgendetwas ganz entschieden einreden oder einfach blind vorwärts stürmen - dann werden die Leute einem schon folgen. Wie das geht, zeigen Gurus, Yogis, Trendforscher und Schamanen oder Managementtrainer. Wie macht man aus anämischen, kurzsichtigen Hierarchen Verkaufskanonen, Großmotivatoren und draufgängerische Unternehmensführer?

Die Gurus der Managerfortbildung behaupten, es genüge, die Männer über glühende Kohlen laufen zu lassen, sie an den Polarkreis zum Überlebenstraining abzukommandieren oder in den Wald, wo sie sich bei allerlei Kriegsspielen mit Farbbeuteln bewerfen dürfen. So holen die alt gewordenen Buben nach 30 Jahren endlich jene Mutproben nach, vor denen sie sich in ihren Kinderbanden immer gedrückt haben. Und dann aber: Mir nach!

Der Friseur Gerhard Meir war ein Friseur wie jeder andere, bevor es ihm gelang, der Fürstin Gloria von Thurn und Taxis Vogelnester, schiefe Türme und Hahnenkämme auf den Kopf zu setzen und die Medien davon zu überzeugen, bei diesen Aufbauten handle es sich um Kunst. Seitdem ist Herr Meir nicht mehr irgendein Friseur, sondern der Friseur an sich. Die Stars strömen zu ihm und hinterlassen viel Geld, nicht für die Frisur, sondern für die Gewissheit, nichts falsch gemacht zu haben.

Nicht nur Gänse wachsen im Amt

Marcel Reich-Ranicki, der Koch Alfons Schuhbeck, jedes Gebiet hat seinen Trendpapst, und Matthias Horx überblickt sie alle. Kaum hatten die ersten Redakteure geschrieben, Tennis sei zum Massensport verkommen, und wer sich als Individualist beweisen wolle, der müsse nun golfen, stürmten die Individualisten einander nach sofort massenhaft auf den Golfplatz, um unter den anderen 100 000 golfenden Individualisten die Ersten zu sein. Würde Schuhbeck heute verkünden, die Blutwurst habe unnachahmlich gewonnen an Geschmack und Raffinement, träfen die Reichen und Schönen sich ab morgen nur noch im Blunzen-Bistro.

Ja, es gibt große Sehnsucht nach Führung, Anbetung, Unterwerfung. Und da die Welt täglich undurchschaubarer wird, brauchen wir Navigatoren, die uns mit der Unerschütterlichkeit des gehirnamputierten Herings davon überzeugen, dass das X in Wahrheit ein U ist. Es macht nichts, dass die Dschungelführer genauso orientierungslos sind wie wir und uns im Kreis herumführen. Denn erstens merken wir das nicht, und zweitens ist es völlig egal, wohin die Reise geht: Wo wir auch ankommen, ist Dschungel. Aber da wir einem Papst gefolgt sind, den wir fürstlich entlohnt haben, dünkt uns, sein Ort sei doch ein wenig lichter und stechmückenfreier.