Fachleute werden gesucht, ruft die Bundesregierung, es fehlen Experten für Computer und Kommunikation. Da sollte man meinen, dass die Politik wenigstens mit dem vorhandenen Personal pfleglich umgeht. Doch nichts da: Namhafte Informatiker fluchen auf das Bundesforschungsministerium, fühlen sich überrannt, missverstanden und düpiert. Sie fürchten um die Zukunft ihrer Arbeit und denken an Abwanderung.

Ursache ihres Zorns ist die geplante Eingliederung der GMD - Forschungszentrum Informationstechnik (hervorgegangen aus der ehemaligen Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung) in die Fraunhofer-Gesellschaft (FhG). Vor allem die Wissenschaftler des kleinen Partners GMD (180 Millionen Mark Budget) fühlen sich der mächtigen FhG (1,3 Milliarden) rettungslos ausgeliefert, und sie glauben den hochtönenden Absichtserklärungen nicht, denen zufolge ihre Projekte eine Zukunft haben (ZEIT Nr. 8/00).

Ja, wenn. Aber das Bundesforschungsministerium hat einen anderen Stil: Vertrauliche Gespräche mit den Chefs der beiden Institutionen und dann das Dekret, es werde binnen eines Jahres fusioniert. Kommentar der Computer-Zeitung: Die Politik behandle die Wissenschaftler wie "Untertanen".

Was da zusammenwachsen soll, ist recht unterschiedlich. Die GMD hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend erneuert. Sie betreibt primär "Technoscience": Forschung, die zwar auf technisches Grundlagenwissen zielt und zuweilen viele Jahre währt, aber so angelegt ist, dass echte Produkte daraus hervorgehen können, zum Beispiel auf dem Gebiet Multimedia. Damit die Ideen auf den Markt kommen, fördert die GMD Ausgründungen: Junge Forscher verlassen die Institute, um Firmen zu gründen. Die GMD erweitert damit ihre Vernetzung mit der Wirtschaft, erprobt ihre Theorien und schafft immer wieder Platz für neue Leute. Auf diese Weise ist sie eine Kaderschmiede geworden.

Die FhG hingegen funktioniert anders. Sie forscht auf der Basis von Verträgen für etablierte Firmen, die Projekte sind meist kurzfristig und marktorientiert. Ihre Regel lautet "60 zu 40": Drei Fünftel der Finanzierung eines Instituts müssen eingeworben werden, der Rest kommt aus dem steuerfinanzierten Haushalt der FhG. Wer sich als Institutsdirektor unausgesetzt um Drittmittel kümmern muss und an deren Größe auch gemessen wird, behält die guten Leute daher lieber im Haus - Ausgründungen werden vorwiegend als Aderlass wahrgenommen. Auf vielen Gebieten funktioniert dieses "FhG-Modell" gut, von der Laser- über die Material- bis zur Umweltforschung, nur passt es nicht zur Wirklichkeit der Informations- und Kommunikationsmärkte, auf denen pausenlos kleine Firmen entstehen.

Nun könnte man meinen: Umso besser, dann lernt die FhG eben von der GMD. Tatsächlich ist dies auch die heimliche Hoffnung im Ministerium - eine Reform der Fraunhofer-Gesellschaft. Aber das ist naiv. Denn warum sollten sich die Großen den Kleinen anpassen? Offiziell heißt es: Wir werden voneinander lernen. Im Gespräch mit ihren zukünftigen Partnern indes lassen die FhG-Oberen keinen Zweifel daran, dass sie an den alten Strukturen festhalten wollen. Fusion ja, aber zu unseren Bedingungen, heißt es, und: "Die Federführung für die Organisation des Fusionsprozesses liegt bei der FhG" (aus einem internen Papier).

"Es soll eben alles auf FhG-Kurs getrimmt werden", klagt Thomas Christaller, ein Experte für Künstliche Intelligenz und Roboter, auf den sich die Deutschen etwas einbilden können. "Das wird auf operativer Ebene durchgezogen." Es rücken bereits Manager mit der Forderung an, die GMD möge ihr Betriebssystem an das der FhG anpassen, mehr noch: Sie möge auch ihre grundfinanzierten Datenleitungen auf FhG-Niveau reduzieren und alles, was darüber hinausgeht, aus Drittmitteln bezahlen - de facto ein Rückbau. Am meisten fürchtet Christaller die "60 zu 40"-Regel: "Die Forschungskompetenz der GMD würde mit diesem Modell untergehen." In der Tat wäre die Annahme blauäugig, dass die Industrie einspringt und großzügig in die Grundlagenforschung investiert. Das glaubt auch Martin Reiser nicht, ein Star der Szene, den die GMD vom IBM-Forschungszentrum Rüschlikon (Schweiz) abwerben konnte. Sein Institut für Medienkommunikation zählt zur Avantgarde auf Gebieten wie digitale Medienproduktion, virtuelle Welten, interaktives Fernsehen, High-Speed-Networking. Nicht gerade jemand, den man gerne sagen hört: "Die Übernahme durch die FhG stellt hier alles in Frage." Untergangsstimmung.