Möge Gott uns seinen Segen nicht entziehen!

Aus: "Richtlinien für die religiöse Unterweisung türkischer Schüler muslimischen Glaubens Jahrgangsstufen 1 bis 3 an bayerischen Grundschulen"

Ergül Sengül klappt die eine Hälfte der Tafel auf. Die Lehrerin hat darauf mit Magneten ein großes Blatt Papier geheftet, auf dem eine rosa, grün, grau und hellblau ausgemalte Moschee zu sehen ist. Sie fragt die zwölf Schüler aus zwei ersten Klassen der Grundschule der Münchner St.-Martins-Schule, wie man dieses Gebäude nennt. Die Schüler melden sich und antworten: "Moschee." - "Welchen Glauben haben die Menschen, die eine Moschee besuchen?" - "Islam", antworten die Schüler. Die Lehrerin schreibt mit Kreide "Islam" über die Moschee. Nun heftet sie vier Papptäfelchen an die Tafel, auf denen Ezan, Minare, Hilal und Kubbe geschrieben steht. Nun sollen die Schüler diese Worte den einzelnen Teilen der Moschee zuordnen. Ein Mädchen geht nach vorn und heftet Minare neben eines der vier Minarette. "Sehr gut", lobt Ergül Sengül. Auch Kubbe ist schnell der großen Kuppel der Moschee zugeordnet, nur bei der Frage, wo das Täfelchen mit Hilal hingeheftet werden soll, herrscht bei der Hälfte der Kinder Unwissenheit, die andere Hälfte unterhält sich oder beschäftigt sich mit seinen Federmäppchen. Ein Mädchen hat der Lehrerin den Rücken zugewandt und betrachtet ein Foto Kemal Atatürks. Die Lehrerin trägt schwarze Pumps, weiße Jeans, ein weißes T-Shirt und eine schwarze Weste. Sie lebt seit 28 Jahren in Deutschland, verbreitet große Ruhe und spricht sehr leise. Nachdem einige Schüler meinten, mit Hilal seien vielleicht die Tür oder die Fenster der Moschee gemeint, sagt sie: "Hilal ist der Halbmond, das Symbol des Islam. Er befindet sich auf der Kuppel der Moschee und auf der Spitze von jedem Minarett. Vielleicht habt ihr den Halbmond auch schon mal auf der türkischen Fahne gesehen?" Sie rollt ein kleines Fähnchen aus. Nun fehlt noch Ezan, der Balkon, auf dem der Muezzin zum Gebet ruft. Dann wiederholen alle gemeinsam: "Minare, Hilal, Kubbe, Ezan." Keine Tendenzen zu Radikalisierung oder politischer Unterwanderung weit und breit. Ein Junge trommelt mit den Händen auf das Ablagefach unter seinem Tisch.

Im Schuljahr 1999/2000 werden in Bayern rund 10 000 Schüler, deren Muttersprache türkisch ist, von 210 türkischen Lehrer in islamischer Unterweisung unterrichtet. Dem Bayerischen Kultusministerium ist in den vergangenen 13 Jahren kein Fall bekannt geworden, in dem ein Lehrer gegen das Toleranzgebot verstoßen oder die Schüler radikal-islamistisch indoktriniert hätte. Auch seitdem Matthias Pirkl Lehrer und Konrektor an der Müncher St.-Martins-Schule ist, kamen ihm keine solchen Vorfälle zu Ohr, Kordula Hirdina, Fachbetreuerin für München und Oberbayern-Süd, zuständig für die Religionslehrer aus der Türkei, kann sich ebenfalls nicht erinnern. Türkische Lehrer, die in Deutschland unterrichten wollen, müssen über viel Erfahrung und eine besondere Qualifikation verfügen - ihre Beurteilungen müssen besser sein als die der meisten anderen. Unter den Bewerbern wählt das türkische Erziehungsministerium zusammen mit bayerischen Beamten die Kandidaten aus. Die besuchen in der Türkei einen sechsmonatigen Vorbereitungskurs mit Schwerpunkt Deutsch. In Bayern dann müssen sie einen Eid auf die bayerische Verfassung leisten und werden von Fachbetreuern wie Kordula Hirdina ein Jahr begleitet. Sie unterrichtet sie einerseits in Deutsch, gibt andererseits Antworten auf Fragen und Ängste: Stimmt es, dass die Ausländerfeindlichkeit in Deutschland so groß ist? Wie finde ich eine Wohnung? Warum machen die Behörden Schwierigkeiten, wenn die Familie nachkommen will? Nach dem ersten und dem dritten Jahr müssen die Lehrer eine Eignungsfeststellung machen und bekommen eine dienstliche Beurteilung: Wie ist die Didaktik, das Schriftwesen, die Methodik?

Die Richtlinien für den Inhalt des Unterrichts lehnen sich an die Lehrpläne türkischer Schulen an, abgeändert dort, wo staatsbürgerliche Inhalte betroffen sind. Die Schwerpunkte des Unterrichts bestehen aus Religionskunde und Lebensführung: Familienleben, Schulalltag, die Pflichten kennen, den Freunden helfen. Es dürfen keine fundamentalistischen Inhalte vermittelt werden. Verstoßen die Lehrer gegen diese Richtlinien oder gegen die bayerische Verfassung, werden sie zurückgeschickt. Die Lehrer werden vom Staat Bayern nach Bundesangestelltentarif bezahlt. Sie dürfen maximal fünf Jahre bleiben. Das schreibt das Ausländergesetz vor. Das Fach heißt islamische Unterweisung und nicht Unterricht, wegen "des Fehlens einer islamischen Religionsgemeinschaft, die die Grundsätze, nach denen ein Religionsunterricht zu erteilen wäre, verbindlich festlegt". Da die Schüler mit Türkisch als Muttersprache die größte Gruppe nichtdeutschsprachiger Schüler bildet, können nur diese an einer solchen islamischen Unterweisung teilnehmen. Bosnische, afghanische oder russische Schüler muslimischen Glaubens können bisher nur den Ethikunterricht besuchen.

Nicht oft, aber doch manchmal, hört Kordula Hirdina, die Fachbetreuerin, Kritik - von deutschen Eltern. Die lautet etwa so: "Warum müssen diese Schüler hier bei uns Islamunterricht kriegen und dann auch noch von unserem Geld?" Kordula Hirdina antwortet dann: "Wenn ein Bedürfnis nach Religion besteht, dann ist es besser, man befriedigt dieses Bedürfnis in der Schule. Hier gibt es bessere Kontrollmöglichkeiten als außerhalb, beispielsweise in den Koranschulen." Was türkische Eltern manchmal kritisieren: Dass die Lehrerin Hosen, aber kein Kopftuch trägt. "Dabei" sagt Hirdina, "dürfen in der Türkei weder Schülerinnen noch Lehrerinnen Kopftücher in der Schule tragen." Was ihr auffällt: Oft stellen junge Mütter diese Forderung, die selbst schon in Deutschland zur Schule gegangen sind. Dass eine Lehrerin in Bayern von sich aus den Wunsch geäußert hat, Kopftuch tragen zu wollen, hat sie bisher noch nie gehört. "Fast alle Lehrer, die zu uns kommen, sind sehr westlich orientiert." Was passieren würde, sollte so ein Fall doch mal vorkommen, das weiß sie nicht.

Ergül Sengül klappt die andere Hälfte der Tafel aus. Die zwölf türkischen Schüler der ersten Klasse sehen nun neben der Moschee eine bunt angemalte Kirche. Die Lehrerin fragt: "Welchen Glauben haben die Menschen, die in ein solches Gebäude gehen?" - "Christlich", sagt ein Schüler. Als ich im Kindergarten war, bin ich schon mal in so eine Kirche gegangen." - "Ich auch", erinnert sich ein Mädchen. Ergül Sengül schreibt Hiristiyan über die Kirche, christlich. Nun müssen wieder vier beschriftete Papptäfelchen den Teilen einer Kirche zugeordnet werden. Das fällt den Kindern schwerer als bei der Moschee. Ist Can nun das Fenster oder die Tür oder das Kirchenschiff? Nein, die Glocke. Kule ist der Kirchturm und Hac das Kreuz, "das Symbol der Christen". Dann nimmt die Lehrerin alle Papptäfelchen weg, sowohl die von der Kirche als auch die von der Moschee, mischt sie und heftet sie an die Tafel. Nun müssen die Kinder sagen, welche Begriffe zur Kirche und welche zu einer Moschee gehören. Sie haben es schnell begriffen.