Der erste Schritt, der erste Blick in die Ausstellung klärt auf über einen leicht verwirrenden Titel: Francis Bacons monumentales Triptychon von 1983, ein großer Wurf klassisch gewordener Moderne, öffnet Wege in das Dickicht der Versuchsanordnungen. Ich ist etwas Anderes heißt die Schau der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf. Sie folgt einer Erkentnnis Arthur Rimbauds von 1872 ("Je est un autre"), der als 17-Jähriger daran ging, ein Dichter zu werden und damals mehr als nur die Grammatik revolutionieren wollte. "Es geht darum, die Seele monströs zu machen" und "beim Unbekannten" anzukommen.

Als Auftakt der Ausstellung transponiert Bacons Triptychon Rimbauds poetisches Programm in überwältigende, nachhaltig monströse Malerei: Was hier bedeutet, dass eine Dreigestalt im offenen Orangerot des Bildraums des Künstlers Ich spiegelt und fragmentiert. Sie spricht von männlicher Präsenz, von Gefährdung und Verfall. Und sie demonstriert solche Körper-Zustände als eine Möglichkeit, Identität herzustellen und zu befragen.

Rund 35 Jahre umfasst die Ausstellung, einen Bogen spannt sie nicht. Stattdessen weist sie auf Generationsgegensätze hin, die nicht allein in technologischen Entwicklungsschüben, sondern in gesellschaftlichen Veränderungen begründet sind. Das Ich ist nicht nur ein Anderes, es agiert auch zunehmend hermetisch. All dies ergibt mehr Stoff als nötig wäre, manches ließe sich entbehren und vieles unter anderer Flagge zeigen. Die Verletzte Diva (zurzeit in München und Insbruck) beispielsweise streift das Düsseldorfer Thema im Aspekt weiblicher Körperkunst. Und die Phantasmen der Moderne mit ihren Puppen und Automaten, 1999 im selben Haus zu sehen, erweist sich nun als sinnreiche Einführung zu den ausgestellten zeitgenössischen Selbstbefragungen.

Dem Museum ist die Veranstaltung so wichtig, dass es fast seine gesamte ständige Sammlung dafür ins Depot schickte. Zu den Ausnahmen zählen Arbeiten von Joseph Beuys, vor allem die Installation Palazzo Reale von 1985. Erstaunlich ist, wie entrückt und isoliert die Leitfigur einer vergehenden Zeit hier wirkt, in der Nachbarschaft anderer Revoluzzer - etwa Bruce Naumans begehbarer Skulptur (Changing Light Corridor with Rooms, 1971) oder Dan Grahams perfide konstruiertem Instrument von Beobachtung und Selbstbeobachtung (Two Viewing Rooms, 1975). Von den bewegten virtuellen Schrecknissen eines lebensgroßen Selbstbildnis als Monster, der jüngsten Videoinstallation des 40-jährigen Pierrick Sorin, ist der große Anreger Beuys längst Welten entfernt. Es zeigt sich aber auch, dass Verstörungen, wie sie Bacon ebenso auslöst wie die fotografischen Selbsterprobungen Jürgen Klaukes oder die Video-Interaktionen Vito Acconcis aus den siebziger Jahren, immer noch dialogfähig sind.

Etliche Künstlergenerationen, so lautet die Botschaft der Ausstellung, führten international (und mit früher Beteiligung feministischer Künstlerinnen wie Valie Export, Maria Lassnig und Annette Messager) die aus romantischer Tradition überlieferte und im Laufe des 20. Jahrhunderts weiterentwickelte Suche nach Entgrenzung und nach neuen Quellen der Erkenntnis fort. So wandelte sich das Ich und mit ihm Identitäten und Bedürfnisse. Ob narzisstisch oder intellektuell distanziert, ob selbstzerstörerisch, der eigenen Realität als einzigem Schutz gegen die Außenwelt verschworen oder aktiv gesellschaftsbezogen - das Ich fand und erfand sich selbst. Es suchte sein Heil in Wiedergängern und Materialhäufung, es praktizierte Rollenspiele und machte sich neue Medien untertan. Wenn Lévi-Strauss noch jeden von uns "für eine Straßenkreuzung" hielt, "auf der sich Verschiedenes ereignet ... es bleibt keine Wahl", so bewegen sich postmoderne Geister heute gezielt mit ihren Videokameras wie auf Datenautobahnen. Da bleibt es nicht aus, dass das Ich auf der Strecke verloren geht, dass es zumindest deutliche Auflösungstendenzen zeigt. Nicht umsonst beschäftigt sich der Bremer Philologe Peter Bürger in seinem listig als philosophischen Dialog getarnten Katalogbeitrag mit der Bodenlosigkeit postmodernen Denkens und dem "Verschwinden des Subjekts".

Ein halbes Hundert künstlerische Positionen sind mehr als genug, an solcher "promesse" zu zweifeln, ohne sie angesichts rapider technologischer Entwicklungen und humangenetischer Diskussionen aus dem Auge zu verlieren. Der Angst dagegen, als "hartnäckiger Grunderfahrung des modernen, gottverlassenen Individuums" (Bürger), kann man stets gewärtig sein. Einer Angst, die traumatische Welten nach außen kehrt wie in Lynn Hershmans Materialcollage der Roberta Breitmore, ihres Alter Ego und fiktiven weiblichen Archetyps. Einer Angst wie in Tony Ourslers Videoprojektion murmelnder Fratzenwesen. Einer Angst, die über voyeurhafte Neugier hinaus Angst auslöst wie Pia Stadtbäumers aggressiv-unheimliche Kinder-Puppen.

Nur selten ist die schöne neue Welt so hinterhältig vergnügt wie in der bunten Multimedia-Lounge des jungen Anton Henning, der Kunst und Leben reflektiert, um Kunst zu machen und dabei mit schöner Selbstironie alle anfallenden Rollen übernimmt. Fast wie im Kino und real wie eine Vorabendserie: Schöner soll Leben nicht sein.