Der historische Dokumentarfilm ist seit Jahren eines der beliebtesten Genres im deutschen Fernsehen. Kaum eine Woche vergeht, an dem nicht zur besten Sendezeit irgendein Feature über Hitlers Helfer, Hitlers Generäle, Hitlers Kinder läuft. Es haben sich in der Boom-Branche unterdesssen recht zweifelhafte Routinen herausgebildet: Das immer gleiche Originalmaterial wird durch zusehends melodramatische Inszenierung zur Wiederverwendung neu aufbereitet.

Richard Chaim Schneiders große vierteilige Dokumentation über "Juden in Deutschland nach 1945" , die ab morgen im WDR (im Bayerischen Rundfunk ab Montag) läuft, ragt weit heraus aus dem Mittelmaß der hiesigen Produktionen. Unergründlich, warum man die Serie auf den späten Abend geschoben hat: Wir sind da!, so der Titel des Unternehmens, wäre ganz bestimmt in der Lage, mehr Quote einzufahren als die üblichen Primetime-Angebote der dritten Programme - angestaubte Tatorte, Gesundheitsratgeber, Talkshows.

Erschöpfte Menschen lernen wieder leben

Der Autor hat anhand dieser Leitfrage bisher unbekannte Zeugnisse aus der unmittelbaren Nachkriegszeit aufgespürt. Die Lager für Displaced Persons, in denen nach dem Krieg Hunderttausende Juden aus Osteuropa übergangsweise lebten, sind eines der interessantesten Kapitel der jüngeren deutsch-jüdischen Geschichte. Bei Schneider kann man nun sehen, wie die erschöpften Menschen dort beginnen, ihr Leben wieder in die Hand zu nehmen. Man lernt, wie diese Lager, in denen der Rest aus den vernichteten Schtetln und Ghettos sich zusammenfand, mit der Vorgeschichte des Staates Israel verknüpft sind. Man muss vom Elend und vom Stolz dieser Camps wissen, um wirklich zu verstehen, wie unwahrscheinlich ein Neubeginn des jüdischen Lebens in Nachkriegsdeutsch-land war.

Schneider zeigt, wie die frühe Bundesrepublik angesichts ihrer winzigen jüdischen Minderheit zwischen Verdrängungswunsch und peinlicher Beflissenheit oszillierte. Es ist ein wahres Kunststück an Einfühlsamkeit, wie er mit denjenigen umgeht, die gegen viele Bedenken und mit schlechtem Gewissen hier blieben. Schneider lässt seine Interviewpartner ausreden: Man hört zum Beispiel einem alten Herrn zu, der sich sehr umständlich dafür zu rechtfertigen sucht, dass er nicht nach Amerika oder Israel gegangen ist. Man merkt irgendwie, dass hier nicht die ganze Wahrheit gesagt wird. Sie ist für den alten Herrn weiterhin nicht aussprechbar, und auch der Autor maßt sich nicht an, sie stellvertretend aus dem Off auszuplaudern.

Er hört zu und zeigt den Sohn des alten Herrn, der neben jenem sitzt. Man sieht, wie der Sohn zunehmend ungeduldig wird. Dann sagt der Sohn freundlich, aber bestimmt: "Du wolltest einfach nicht nach Amerika. Und jetzt sitzen wir beide hier." Der Vater schaut weiter mürrisch drein, aber man merkt, dass er auch ein wenig froh ist, durchschaut worden zu sein. Es ist ein Glück, dass Schneider den langen Atem hat, solche Szenen geschehen zu lassen, statt die Interviews in üblicher Manier zu zerschneiden, bis sie zum Belegmaterial für eine These taugen.

Vieles wäre noch an dieser Geschichtsstunde zu rühmen: Wie hier (im zweiten Teil) der Antizionismus der 68er Linken als verkappter Antisemitismus greifbar gemacht wird; wie (im dritten Teil) die hoch ambivalente Beziehung der DDR-Obrigkeit zu den Juden Ostdeutschlands geschildert wird, die stets zwischen Schikane und instrumenteller Vereinnahmung schwankte; wie schließlich (im vierten Teil) die Versuche der "Normalisierung" unter der Ägide Helmut Kohls rekonstruiert werden - das ist alles wunderbar klug und präzise erzählt. Mit dieser Serie ist gegen die herrschende Verfahrensweise von Guido Knopp und seinen Epigonen bewiesen, dass das Fernsehen auch Geschichte schreiben kann, statt sie bloß als Reservoir für Wallungswerte auszuplündern.