Früher lebten die Dichter manchmal in Türmen. Im Hölderlinturm zum Beispiel oder im Elfenbeinturm. Turmhoch über der Menge waren sie vor den Zumutungen des Sozialen geschützt und auch sonst dem Himmel ein wenig näher. Das mag Vorteile haben. Aber einsam war es auch.

Die Einsamkeit des Dichters ist heute nicht mehr gefragt. Der junge deutsche Gegenwartsautor tritt lieber als Gruppe auf, als Pool, als Quintett, als Fraktion. "Einsam sein ist scheiße", sagt Thomas Hettche zu Matthias Altenburg, als der sich noch zierte, an dem gesamtdeutschen Internet-Projekt Null mitzuwirken, dem von Hettche initiierten Versuch, den romantischen Salon elektronisch wieder aufleben zu lassen und die deutschen Gegenwartsautoren im Netz ein Jahr lang zum Gespräch zu bitten. Das Ergebnis der neoromantischen Bemühung dieser Autorengruppe Null wird dieser Tage als Buch erscheinen.

Was Wunder, dass es in den Werken der Gruppenschriftsteller vor allem um die Gruppe geht. In der gerade erschienenen Erzählung Dekonspiratione von Rainald Goetz, dem Abschlussband seiner fünfbändigen Geschichte der Gegenwart , der anders als sein Internet-Tagebuch Abfall für alle noch nicht im Netz zu lesen war, kommt der Mensch als Mensch nur dann vor, wenn er schreibt. Dichter zuerst, Journalisten, Redakteure, Kritiker, Dramaturgen, Lektoren zuletzt, der Rest bleibt draußen. Der Schreiber schreibt ein Buch, in dem er einen trifft, der ein Buch geschrieben hat, in dem es darum geht, dass er ein Buch geschrieben hat, in dem steht, dass er viele Leute kennt, die ein Buch geschrieben haben, mit dem Buch auf Lesereise gehen und darüber ein Buch schreiben. Schreiben übers Schreiben, dazugehören zum Netz der Schreiber, die nur von Schreibern schreiben. "Ja schreiben wir nicht alle diesen unbeschreiblichen Medien-Roman?", heißt es in der Erzählung von Rainald Goetz. So fragt der Autor, der sich selber in die Tasten beißt.

Dem vernetzten Dichter ersetzt das Netz des Selbstbezugs die Welt. Vor dem Netz ist nach dem Netz, und im Netz ist alles, denn Netz-Zeit ist Jetzt-Zeit, und die Party der unendlichen Selbstreflexion geht weiter.

Will sagen: Wer im gemachten Netz sitzt, ist für die Literatur verloren. Der betreibt, recht unromantisch, Inzest auf Papier. Soll vor Alter und Einsamkeit schützen. Wird gern mit Literatur verwechselt. Erscheint sogar als Hardcover.