In ihrem letzten Film war sie gar nicht mehr zu sehen, nur noch zu hören. Maximilian Schell hatte ein sechstägiges Interview mit ihr geführt. Aber zeigen durfte er sie nicht. In Schells Marlene von 1983 redet eine Frau, die ihrer eigenen Legende überdrüssig geworden ist und die trotzdem noch jede Aufmerksamkeit genießt, die ihr entgegengebracht wird. Während die Stimme spricht, schroff, schnoddrig, vom Alkohol leicht abgeschliffen, sieht man Ausschnitte aus alten Filmen: Marlene, die Diva. Dann kreist die Kamera um Schells Tonband und zeigt das Filmteam in Kulissen - dem Nachbau ihrer Pariser Wohnung. Wie kommt man bloß dem Star auf die Spur - im Hinhören, im Wiedersehen, im Nachstellen? Jahre später hat Maximilian Schell gesagt: "Die Wahrheit über Marlene Dietrich wird man nie erfahren."

Nach diesem resignierten Resümee war aber doch noch eine Menge zu erfahren. Maria Riva hat das dicke Buch Meine Mutter Marlene geschrieben, zu dem sie ausdrücklich aufgerufen war, von ihrer Mutter selbst: "Schreibe ein Buch über mich. Nur du kannst es. Die ganze Wahrheit. Aber erst nach meinem Tod." Marlene kam darin nicht gut weg, unter anderem war sie, vor allem in späteren Jahren, eine egozentrische, liebes- und tablettenabhängige Dauerlügnerin. So sah es hinter den Kulissen aus. Aber ist das "die ganze Wahrheit"?

Ein Hollywood-Regisseur macht sie zur kühlen Ikone

Gerade bekommt die Projektion neue Nahrung. Wieder heißt ein Film schlicht Marlene, wieder kommt er aus Deutschland. Das ist kein Wunder, denn während man sich in anderen Ländern leicht mit der Verehrung für die Diva zufrieden geben konnte, ging es hierzulande immer um "Deutschlands einzigen Weltstar" und dessen problematisches Verhältnis zur alten Heimat. Noch die Beerdigung in Berlin und später der Streit um einen würdigen Ort für eine Marlene-Dietrich-Straße oder einen entsprechenden Platz waren begleitet von vielerlei Bedenken, mit welcher Art Umgang man der berühmten Tochter des Landes wohl wirklich gerecht werde.

Jetzt nähert sich Joseph Vilsmaier der Legende, im Auftrag der Produzentinnen Katharina Trebitsch und Jutta Lieck-Klenke und unter Verwendung eines Drehbuchs von Christian Pfannenschmidt. Die Produzentinnen waren klug genug, rechtzeitig von den Erben die Rechte für diese Lebensgeschichte einzuholen; so blieben Konkurrenzvorhaben blockiert. Laut Vorspann basiert der Film auf den Tatsachen des Riva-Buches. Das ist allerdings falsch, oder richtig nur, wenn man diese Basis lediglich als Sprungbrett begreift: Wohin sie springen und in welchem Stil, das wollten die Filmemacher selbst bestimmen. Ihre Produktion jedenfalls widerspricht dem Geist des Buches im Kern. Bei Maria Riva war zu lernen, dass die große und sehr vielfältig liebende Marlene Dietrich im Grunde immer die eigentliche "große Liebe" verfehlen musste, weil ihre "ganze psychische Struktur auf Treibsand gebaut war". Sie war offenbar, mit den Worten eines alten Schlagers, verliebt in die Liebe, in die rauschhafte Herzensausgießung, und die war nur dauerhaft zu haben, wenn kein Verhältnis von allzu langer Dauer war. Das Wesen des jeweiligen Gegenübers, muss man annehmen, hat sie in ihrer letztlich selbstbezogenen Hingabe oft genug verfehlt. Der Film schreitet zwar alle Koordinaten ab, an denen diese innere Malaise abzulesen ist, so weit folgt er dem Buch und muckt dagegen auch niemals auf. Doch gleichzeitig fährt er immer wieder aus der eigenen Haut und sagt: Marlene braucht aber trotzdem eine große Liebe!

Ein Wehrmachtsoffizier rettet ihr heißes Herz

Christian Pfannenschmidt hat sie ihr einfach hinzuerfunden. Der Film verschweigt das erst, lässt die Zuschauer lieber weiter an die "Tatsachen" aus dem Vorspann glauben und fabuliert aus dieser Deckung heraus munter drauflos. Erst zum Schluss, als einzelne Nachspanntitel über den weiteren Lebensweg der handelnden Personen aufklären (der Film umspannt die Jahre 1929-45), heißt es über Marlenes vermeintlichen Geliebten: "Der Name Carl Seidlitz taucht in ihren Aufzeichnungen nicht auf. Wer ihre große Liebe war, blieb ihr Geheimnis." Hier kann man der Projektion bei der Arbeit zusehen. Vilsmaier und Pfannenschmidt schreiben Marlene schamhaft ein Geheimnis zu, damit ihr Film schamlos daraus Kapital schlagen kann. Dass sie darin die eigene Vorlage verleugnen, ist ihnen einerlei.