Anfangs habe ja auch er "mit den Augen gerollt", wenn er an die Expo 2000 denken musste. Jetzt aber sei er tief beeindruckt vom Stand der Vorbereitungen für das kulturelle Rahmenprogramm, das die Besucher des Deutschen Pavillons bei der Weltausstellung in Hannover erwartet.

Pflichtgemäß begeistert eröffnete Kulturstaatsminister Michael Naumann vergangene Woche eine Pressekonferenz im Berliner Wintergarten-Varieté, mit der die Öffentlichkeit auf das bevorstehende Großereignis eingestimmt werden sollte. Die Veranstaltungszyklen und -reihen werden Titel wie KulturMobile (das Selbstdarstellungsprogramm der Bundesländer), KulturAkzente (die Schwerpunkte Musik, Theater, Literatur sowie eine Folge von Podiumsdiskussionen) oder LiedStrahl tragen (Aufführungen rund um die Tradition des deutschen Liedes) - alles in dieser affigen modischen Schreibweise gehalten, damit auch jedem klar wird, dass hier hoher kreativer Anspruch herrscht und es ganz doll zeitgenössisch und keinesfalls museal verstaubt zugehen wird.

Leitgedanke aller Veranstaltungen sei das "Aufeinanderstoßen von Tradition und Moderne". Das Programm solle "lebendige Kultur" präsentieren, "Authentizität" statt medialer Entfremdung vermitteln. Das Kulturprogramm werde "kritische Töne" gegenüber dem Fortschrittsoptimismus der "zweiten oder auch schon dritten technischen Revolution" in die Selbstdarstellung Deutschland "inkorporieren". Wenn hinter solchen Leerformeln überhaupt eine Idee steckt, dann eine, deren Herkunft den Organisatoren offenbar gar nicht klar ist. Sie stammt aus dem Ganzheitlichkeits- und Unmittelbarkeitskult der Lebensphilosophie des frühen 20. Jahrhunderts und ihrer Vision von einer "organischen Moderne".

"Technik und Natur artikulieren sich gleichermaßen, indem sowohl in der Trägerkonstruktion der Stützen als auch der Fassade einerseits material- und ressourcensparend, andererseits optisch zurückhaltend gearbeitet wurde", heißt es, ökologisch korrekt, in der Presseinformation über das architektonische Konzept des Deutschen Pavillons. Die "weichen Formen" des Gebäudes sollen sich dabei "bewusst von der preußisch-starren Haltung aus der deutschen Vergangenheit distanzieren". Zu diesem Behufe "befreien" sich "die Grundriss-figuren" von der "harten Geometrie und bilden allesamt große, zusammenhängende Schwünge".

So leicht kann der Abschied von ungeliebter Vergangenheit fallen: Man meide alles Eckige und schwelge in runden Formen frei nach den Leitlinien der Rudolf-Steinerschen Anthroposophie. Die "offene Transparenz" des Baus ziele dabei auf die "Fortsetzung der demokratischen Tradition, Menschen aus aller Welt von Herzen und in das Herz unseres Landes einzuladen". Deutschland als riesige, durchsichtige, Kultur inkorporierende Mehrzweckhalle mit weich geschwungenen Glasfassaden: Darauf "Reflexionen" spielen, in denen sich "Himmel und Erde, oben und unten, überlagern und vertauschen".

Mag sein, dass der gedankliche und sprachliche Schwulst bloß aus der Verlegenheit geboren ist, der Manifestation gestalterischer Einfallslosigkeit irgendeinen pseudophilosophischen Mantel überzuwerfen. Es ist gleichwohl beunruhigend, dass auf der Suche nach einer Corporate Identity für die Deutschland AG unwillkürlich die Vorstellungswelten verschollener Schwaller wie Rudolf Pannwitz oder Ludwig Klages wachgerufen werden. Gar so harmlos, sanft und demokratisch ist die organizistisch-kosmogonische Ganzheitlichkeitsemphase, die hier zu PR-Zwecken aufgewärmt wird, nämlich keineswegs. In Deutschland hatte sie eine aggressiv antiwestliche, aufklärungsfeindliche Spitze. Schauerlich zu sehen, wie mühelos sich diese Alleinheitsfantasien in die technokratische Vernetzungsideologie der Euphoriker einer schönen digitalisierten Zukunftswelt integrieren lassen.

Ginge es dem Expo-Kulturprogramm tatsächlich um eine kritische Auseinandersetzung mit deutschen Wirklichkeiten, müsste es zuallererst die problematische Rolle des Begriffs Kultur selbst in der deutschen Geschichte reflektieren. Dass deutsche "kulturelle" Tiefe die Harmonie von Mensch, Natur und Technik weit besser erfassen könne als der oberflächliche, "zivilisatorische" Geist der Romanen und Angelsachsen, war eine der ideologischen Grundprämissen des deutschen Nationalismus. Im Interesse guter Beziehungen muss man hoffen, dass das westliche Ausland den Anspruch der Deutschen, auf der Expo Himmel und Erde in sich zu spiegeln, gar nicht bemerken wird.