In ihrem Koalitionsvertrag erkannten die Parteien der neuen Bundesregierung an, dass "ein unumkehrbarer Zuwanderungsprozeß" stattgefunden hat. Und zum 1. Januar trat ein neues Staatsbürgerrecht in Kraft. Dieses späte Bekenntnis zu den Folgen der "Gastarbeit" wirft eine Reihe von neuen Fragen auf. Wie soll Integration nun gestaltet werden? Wie funktioniert, was heißt Zugehörigkeit? Zudem rückt die Geschichte der Arbeitsmigration als Teil der Geschichte der Bundesrepublik ins Blickfeld. Schließlich findet auch eine Pluralisierung der Perspektiven statt, wenn die Angehörigen der "zweiten" und "dritten Generation" ihre Erfahrungen nicht mehr als "Ausländer", sondern als Mitglieder dieser Gesellschaft artikulieren.

Vier neue Bücher befassen sich mit diesen Themen. Der grüne Abgeordnete Cem Özdemir hat sich in seinem Buch Currywurst und Döner Gedanken zum Thema Integration in Deutschland gemacht, während die Soziologin Elisabeth Beck-Gernsheim in Juden, Deutsche und andere Erinnerungslandschaften die Frage der Zugehörigkeit aufrollt. Den aussagekräftigen Titel 50 Jahre Bundesrepublik - 50 Jahre Einwanderung trägt ein Sammelband, den die Historiker Jan Motte, Rainer Ohliger und Anne von Oswald herausgegeben haben. Einen anderen Sammelband mit Geschichten von "deutschen und anderen Ausländern" hat der Schriftsteller Joachim Lottmann zusammengestellt: Kanaksta.

Der zentrale Teil des Buches besteht aus einem gelungenen Abriss der Geschichte der Einwanderung in die Bundesrepublik. Dabei kontrastiert Özdemir Arbeitsmigration aus der europäischen Peripherie mit der Einwanderung von "deutschstämmigen" Vertriebenen und Aussiedlern aus dem Osten. Während für Letztere beachtliche Integrationsanstrengungen unternommen wurden, lautet Özdemirs Fazit für die Eingliederung der "Gastarbeiter" und ihrer Nachkommen, geschehen sei "nichts." Sein Abriss zeigt, dass das offizielle Verhältnis zu "Gastarbeitern" von Beginn an durch Unbefangenheit in Bezug auf die Vergangenheit und Planlosigkeit in Hinblick auf die Zukunft gekennzeichnet war.

Als die Bundesrepublik 1955 das erste Anwerbeabkommen mit Italien unterzeichnete, waren die fast acht Millionen Zwangsarbeiter aus der NS-Zeit bereits gründlich vergessen. Das "fehlende Unrechtsbewußtsein" führte zunächst zur Wiedereinsetzung der restriktiven "Ausländerpolizeiverordnung" des Jahres 1938 - "vermutlich ohne böse Absicht", meint Özdemir, "sondern einfach nur aus Gewohnheit". Über die Folgen der Arbeitsmigration schließlich machte sich bis in die siebziger Jahre niemand wirklich Gedanken, weil es eine Zukunft der "Fremden" in Deutschland einfach nicht geben sollte. Und seitdem wird, wie Özdemir betont, von Integration mehr geredet, als dass tatsächlich etwas geschähe.

Wie wenig die Geschichte der Einwanderung überhaupt erforscht ist, wird durch den Sammelband 50 Jahre Einwanderung deutlich. Auch hier betonen die Herausgeber, dass es zwei verschiedene Hauptformen der Einwanderung gegeben hat - sie trennen dabei zwischen "privilegierten", also "deutschstämmigen" Zuwanderern und den Arbeitsmigranten. In ihren Beiträgen haben die Mitarbeiter des Bandes ausgiebig auf bislang unbekanntes Material aus Behörden- und Zeitungsarchiven zurückgegriffen, aber auch auf Interviews mit "Betroffenen". Damit eröffnen sie ein detailliertes sozialgeschichtliches Panorama - zeigen etwa die unterschiedlichen Auswirkungen der Lagerunterbringung bei Ostflüchtlingen und "Gastarbeitern" oder analysieren die oft übergangene Arbeitsmigration von Frauen.

Auch dieser Band enthüllt jene spezifisch deutsche Kombination von historischer Unbefangenheit und Zukunftsverweigerung. In den fünfziger Jahren, so Karen Schönwälder in ihrem Beitrag über das erste Ausländergesetz, stimmten die Behörden ein Lamento über kriminelle und asoziale Ausländer an, wobei ausgerechnet die unmittelbaren Opfer der NS-Politik gemeint waren: Displaced Persons, also Exhäftlinge oder Zwangsarbeiter. Die Ablösung der AVPO von 1938 durch das neue Ausländergesetz im Jahre 1965 wiederum war nicht etwa eine Folge von Vergangenheitsbewältigung und Weitsicht. Das Gesetz verbesserte die Rechtssicherheit für Einwanderer nicht im Geringsten, im Gegenteil, es erweiterte die Ermessensspielräume der Behörden.

Angesichts dieser Geschichte, meint Cem Özdemir, müsse die Gesellschaft an der Schwelle zum neuen Jahrtausend klare Antworten auf die Frage geben: "Wer gehört dazu?" Der Frage der Zugehörigkeit hat Elisabeth Beck-Gernsheim ein ganzes Buch gewidmet. Doch während Özdemir aus eigener Erfahrung in erster Linie an rechtlicher Eindeutigkeit interessiert ist, befasst sie sich eher mit den Unschärfen von ethnischen Kategorien. In ihrer materialreichen Darstellung geht es vor allem um die Definitionsschwierigkeiten der Kategorien "Schwarz" und "Jüdisch". Beck-Gernsheim kann zeigen, dass eine eindeutige Zuordnung sowohl auf der Seite der Mehrheit als auch auf der Seite der Betroffenen oft genug misslingt. Doch obwohl die Soziologin feststellt, dass ethnische Gruppen Konstrukte sind, erfährt man in ihrem Buch letztlich wenig darüber, wie die von ihr erwähnten Kategorien eigentlich historisch entstanden sind.