Die Berliner Bühnen boomen, die Berliner Bühnen siechen: So paradox ist die Lage. Da avanciert, mit den groß inszenierten Neuanfängen am Berliner Ensemble und an der Schaubühne, das Theater endlich einmal wieder zum Stadtgespräch. Und mancher Premieren-Enttäuschung zum Trotz können die Häuser Besucherrekorde vermelden wie lange nicht mehr. Zugleich jedoch schlagen die Intendanten Alarm: Georg Quander beschwört die drohende Pleite seiner Staatsoper, über "schlaflose Nächte" klagt ein resignierter Thomas Langhoff, "Skandal!" tönt Claus Pey- mann, dunkel droht Frank Castorf mit Abschied - und Schaubühnendirektor Jürgen Schitthelm, dem man das fest zugesagte 2,8-Millionen-Subventionsplus kurzerhand strich, weiß nicht mehr aus noch ein: "So fahren wir gegen den Baum."

Ist das nur das übliche Zweckgetöse im Vorfeld von Etatdebatten? Das Empörungsritual der Besitzstandswahrer? Die Politiker sind dickfellig geworden im Verlauf der unzähligen Sparrunden (verständlich bei diesem Job) - aber so dickfellig hoffentlich nicht, dass sie das Lobbyisten-Lamento nicht mehr vom Verzweiflungsschrei unterscheiden könnten. Fest steht: Es gibt enormen Klärungsbedarf in der Berliner Theaterpolitik. Der Nebel muss weg, sonst droht ein Crash. Denn fast alle Häuser sind unterfinanziert. Sie haben gekürzt, wo zu kürzen war, entlassen, wo zu entlassen war. Weiter können sie ihren Verwaltungs- und Technikapparat nicht entschlacken, solange die Politik ihnen betriebsbedingte Kündigungen verwehrt. Die jetzigen Deckungslücken sind nicht die Folge von Verschwendung und Intendantenwillkür, es sind strukturelle Defizite. Mindestens 50 Millionen fehlen derzeit im Berliner Theater- etat - und weder Michael Naumanns Hauptstadtgelder noch die erhofften Lottomillionen können die Lücke mehr als nur temporär stopfen.