Der englische Patient muss nicht mehr auf den Doktor warten oder sich ins chronisch überfüllte Wartezimmer schleppen. In seiner Not greift der moderne Brite zum Telefon und wählt 0845-4647. Die freundliche Vermittlung leitet den Anruf an eine Schwester weiter, die sich des Kranken fernmündlich annimmt. Ob Herzschmerz, Tablettenfrage oder seelisches Tief, in 17 Call-Zentren des staatlichen Gesundheitsdienstes National Health Service (NHS) wird dem Patienten rund um die Uhr geholfen. Das Angebot reicht vom Tipp für die Selbstmedikation bis zur Vermittlung einer Ambulanz und kostet, außer den Gebühren für ein Ortsgespräch, keinen Penny extra.

Für 65 Prozent der britischen Bevölkerung ist der Telefon-Service NHS-Directinzwischen freigeschaltet. Bis zum Ende dieses Jahres soll ganz Großbritannien mit Teleschwestern versorgt sein. Im November vergangenen Jahres verarztete NHS-Direct 120000 Anrufer, im Januar 2000 schon 281000. Vor vier Monaten eröffnete Ministerpräsident Tony Blair einen weiteren Service: NHS-Direct-Online, den staatlichen Gesundheitsratgeber im Internet. Was Blairs Zukunfts-Show Millennium Dome bisher nicht vermochte, schaffte das Web-Angebot im Nu: 1,5 Millionen Besucher registrierten die Betreiber gleich am ersten Tag.

Mit sanftem Druck wird der Patient nun zur Selbsthilfe angeleitet. Nicht alle Hilfesuchenden empfinden dies als billige Notlösung, 98 Prozent der Anrufer waren zufrieden. Nach der paternalistisch-autoritären und der technokratischen Medizinära verlangt jetzt die 24-Stunden-Gesellschaft nach Kundendienst, Aufklärung und Versorgung rund um die Uhr. In Großbritannien stieg die Hausarztbelastung durch dringende Anfragen in den vergangenen zehn Jahren um 300 Prozent, die Zahl der ernsten Notfälle hingegen nahm nicht zu.

Wissbegierige Patienten informiern sich zunehmend über elektronische Medien

Auch in Deutschland sind medizinische Web-Seiten gefragt. Die weltgrößte Unternehmensberatung PriceWaterhouseCoopers sagte jüngst voraus, dass wissbegierige Patienten und der Trend von der Behandlung zur Prävention zunehmend virtuelle Konsultationen nach sich ziehen. In der Studie HealthCast 2010: Smaller World, Bigger Expectations skizzierten 50 Experten aus sieben Ländern die Folgen der Cybermedizin: Der Arzt verbringt 30 Prozent seiner Arbeitszeit am Computer, es gibt 20 Prozent weniger Praxenbesuche, und die medizinische Praxis orientiert sich an weltweit einheitlichen Standards.

Während die britische Staatsmedizin die Telezukunft der Medizin per Dekret einführen konnte, arbeiten in Deutschland die Institutionen neben- und gegeneinander. "Der gesetzliche Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums ist nicht die Behandlung der Patienten", sagt Gottfried Dietzel, Referatsleiter für Telematik im Gesundheitswesen. Gleichwohl fördere man "offiziös, aber nicht offiziell" den Aufbau eines Patienten-Informationsnetzes. Die Bundesärztekammer macht sich derweil Gedanken über Datenbanken, aus denen der Patient die Qualifikation von Ärzten erfahren kann. Und die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) stellt für die Behandlung von A wie Adipositas über N wie nasale Hyperreaktivität Hunderte, für den Laien unverständliche, Leitlinien ins Internet.

Inzwischen geraten die offiziellen Bedenkenträger in Gefahr, von kommerziellen Anbietern überholt zu werden. Ein Dutzend Telefondienste erteilen Arztauskünfte und bieten ausführliche Fernberatung. Gesetzliche und private Krankenkassen wie die Deutsche Krankenversicherung informieren telefonisch über das passende Hospital und versorgen chronisch Kranke mit detaillierten Selbsthilfeanleitungen. Ein neuer Patiententypus wächst heran, der solche Angebote gern annimmt. "Für den Manager, der sich beim Skifahren die Achillessehne zerfetzt, ist die Operation ein Reparaturauftrag", sagt Ursula Auerswald, Präsidentin der Bremer Ärztekammer. Daneben gebe es weiterhin "die Oma, die sich ihren Hausarzt hält". Vor zwei Jahren hat Auerswald eine unabhängige Patientenberatungsstelle aufgebaut, die vornehmlich Beschwerden entgegennimmt - 1900 Fälle waren es allein im ersten Jahr. Trotzdem ist sie dagegen, dass die Medizin in Daten- und Telefonnetze abwandert. Die Aufklärung über einen Brustkrebsbefund gehöre weiterhin in die Praxis. Im Vergleich mit dem umfassenden britischen Experiment erscheinen die deutschen Aktivitäten jedoch geradezu harmlos. Als "Attacke auf die Hausärzte" apostrophierte die Ärztezeitung den NHS-Vorstoß, auch telefonisch medizinische Ratschläge zu erteilen. Grundsätzlich sei der erleichterte Zugang zur Allgemeinmedizin zu begrüßen, verteidigt die deutsche Fachzeitung das Revier , aber der Hausarzt sei eben mehr als nur ein medizinischer Dienstleister, nämlich "Freund, Vertrauter, Ratgeber in der Not".