Mit dem Begriff der Toleranz verhält es sich wie mit einem Weihnachtsbaum, der allzu sehr mit Lametta behängt ist: Man muss ihn abschmücken. Wenn heute Aufrufe oder Bündnisse für Toleranz in die Welt gesetzt werden, dann schwingt üblicherweise die Aufforderung zu größerer Nähe und Vertrautheit mit dem Fremden, dem anderen mit. Weit gefehlt: Toleranz kommt von Dulden, nicht von Mögen.

Das hört sich fatalistisch an, schafft aber in Wirklichkeit erst die Voraussetzung für Pragmatismus. Denn wenn man den Begriff der Toleranz vom Harmoniegebot befreit, schafft man Raum für Streit. Streit wiederum ist die Voraussetzung für Toleranz, wenn man damit in Anlehnung an den Sozialphilosophen Michael Walzer nicht nur die individuelle Tugend, sondern auch die alltägliche Praxis meint. Ohne Konflikte offen zu benennen und auszutragen, kann keine Einwanderungsgesellschaft sich darüber verständigen, wie viel Differenz sie dulden kann und will. So abstrakt klingt das harmlos: ein bisschen diskursethische Trockenübung, ein bisschen politische Gruppentherapie. Erst die konkreten Fragen führen dahin, wo es wehtut, zum Beispiel in die Diskussion über "Ausländer" und Kriminalität.

Linke nahmen sich der Fremdheit als Sozialarbeiter an

Denn solche Appelle an die "Community" einer Minderheit bedeuten angesichts der Definitionsmacht der Mehrheit immer auch Willkür: Die Software-Designerin oder der Jurastudent haben mit dem 14-jährigen Serientäter überhaupt nichts gemein - außer dem Herkunftsland der Eltern. Doch das Bild der türkischen Migranten in unserer Gesellschaft wird vom jugendlichen Gewalttäter, nicht vom Jurastudenten geprägt.

Für eine Minderheit ist es immer ein Drahtseilakt, eigene Missstände zu diskutieren. Das konnte man Anfang der neunziger Jahre bei den Afroamerikanern in den USA beobachten, die sich auf eine peinigende Diskussion über die Gewalt schwarzer Jugendlicher in den Städten eingelassen hatten. Die überwiegend weißen Medien begleiteten den Prozess wohlwollend. Sie fühlten sich aber keineswegs bemüßigt zu fragen, ob es tolerabel sei, dass aufgrund der medialen Fixierung auf junge schwarze Gangmitglieder faktisch jeder Afroamerikaner zwischen 13 und 45 Jahren mit dem Generalverdacht leben muss, gefährlich zu sein.

Die wichtigste Grundlage für konstruktiven Streit ist die gleiche Augenhöhe der Kontrahenten. Dazu gehört zuallererst die amtliche Bestätigung, dazuzugehören: die Staatsbürgerschaft. Kaum ein Einwanderungsland hat sich dieser Einsicht so hartnäckig verweigert wie Deutschland. Jetzt wird das neue Staatsbürgerrecht diesen Missstand langsam korrigieren. Eine offene Auseinandersetzung über die Gewaltbereitschaft unter Migrantenjugendlichen bleibt aber so lange unmöglich, wie deren Zugehörigkeit zu dieser Gesellschaft infrage steht. Das heißt: Einen 14-jährigen "Mehmet", der in München geboren und aufgewachsen ist und sich dort ein ellenlanges Straftatenregister zugelegt hat, schiebt man nicht in die Türkei ab - es sei denn, man will aus einem sozialen und politischen Problem ein ethnisches machen. Dann aber darf sich niemand wundern, wenn das Stereotyp vom prügelnden Ausländer durch die täglichen Nachrichten vom verprügelten Ausländer ergänzt wird. Eine solche Ethnisierung von Konflikten auf höchster politischer Ebene kommt gerade bei den Einwohnern der neuen Bundesländer, die den Umgang mit Fremden nie gelernt haben, als verkappte Legitimation an, den "anderen" zu verjagen. Ein brandenburgischer Staatsanwalt modifizierte kürzlich auf einer Diskussionsveranstaltung über Toleranz die Definition des Begriffs: "Man darf den anderen abscheulich finden, aber man darf ihn nicht zusammenschlagen." Vor allem muss man ihn als handelndes Subjekt wahrnehmen.

Das schließt für diese neue Ära des Streitens eine auf den ersten Blick sehr sympathische deutsche Einrichtung aus: das Betreuungswesen. Jahrzehntelang besaßen linksliberale Pädagogen und Sozialarbeiter die Lufthoheit in der Diskussion über Ausländer. Der Ethnologe Werner Schiffauer hat das "sanfte Assimilation" genannt. Während die Konservativen kompromisslose Anpassung forderten, nahmen sich die Linken und Liberalen der Fremdheit in Form der Betreuung an. Das Amt der Ausländerbeauftragten ist ein typisches Resultat dieser Denkhaltung - Fürsprecher einer sprachlosen Minderheit am Katzentisch der Politik.