Gesendet wird trotzdem

Hamburg

Die Polemik war deftig, die Zuhörer lauschten. "Gibt es denn keine Differenzierungen mehr?", fragte Ulrich von Alemann entsetzt. Vor der Deutschen Gesellschaft für Politikwissenschaft geißelte der Parteienforscher die Medienpräsenz seiner Kollegen Lösche, Walter und Raschke. Von Alemann machte sich Sorgen um die Verfassung seines akademischen Fachs, dessen Forschungsergebnisse er durch Zuspitzung und mediengerechte Präsentation befleckt sah. Das Publikum klopfte zustimmend auf die Tische. 25 Zuhörer, von den Hochschulen des ganzen Landes zur Tagung an die Freie Universität Berlin gereist, widersprachen von Alemanns markigen Worten nicht.

Ulrich von Alemann muss deshalb als Prophet gelten. So falsch seine Zustandsbeschreibung damals war - inzwischen hätte er leider Recht. Denn in den vergangenen Monaten hat sich ein engmaschiges Deutungsnetz universitärer Experten über Deutschlands Zeitungsspalten und Nachrichtensendungen gelegt. Sie werden als Politologen, Politikwissenschaftler und Parteienforscher angekündigt - oder einfach nur als Professoren. Gut und nach Kompetenz klingt jeder Titel. Die Redaktionen wollen ihrem Publikum eine klare Botschaft vermitteln: Hier spricht die Autorität der Wissenschaft; und die verkündet neutral und kundig, wie es wirklich um das Gemeinwesen steht.

Auf dieser Expertenwelle surft der Düsseldorfer Hochschullehrer von Alemann gerne mit. "Wenn die Parteienforschung sich auf das ad-hoc-Prinzip der Tagespolitik (und der Medien!) einläßt, wird es kritisch", mahnte er noch im Herbst 1997 in der Politischen Vierteljahresschrift. Doch von Alemann hat schnell vergessen: Schon im Bundestagswahlkampf meldete er munter die aktuellen Wasserstände im Schröder/Kohl-Duell. Wer in den Wahlkämpfen 1999 noch immer nicht gehört und gelesen wurde, den hat spätestens die Finanzaffäre der CDU mitten hinein in die deutsche Medienlandschaft katapultiert. Und die Politologen passen sich an: Sie formulieren sekundengenau und zeilengerecht. Im täglichen Auflagen- und Quotenkampf werden sie mit ihren Einschätzungen gleich selbst zur politischen Nachricht, von den Agenturen bis in die entlegenste Lokalzeitung getragen. Deren Leser erfahren dann, ob Forscher X oder Professor Y Angela Merkel gern als CDU-Vorsitzende sähe. Und was von der neuesten Spendensammlung des Altkanzlers zu halten sei.

Jahrzehntelang setzte die Politologie auf Bücher, Fußnoten und sperrigen Wissenschaftsjargon. Den Medien verweigerte sie sich. Nun verlassen die Professoren ihren Elfenbeinturm gleich zu Dutzenden. Das Seil, an dem sie sich in die Mediengesellschaft hinablassen, spannen die Journalisten.

Dabei verzieht mancher Ressortleiter über das Angebot der Fachleute insgeheim die Miene. Die professoralen Thesen stehen nicht selten schon im gewöhnlichen Leitartikel, verfasst vom Generalisten aus der Nachrichtenredaktion, der sonst auch den Transrapid oder das Holocaust-Mahnmal kommentiert. Genauere Reflexion und größere Forschungstiefe merkt man dem Expertenbeitrag häufig nicht an. Gedruckt und gesendet wird trotzdem.

Viele Gelehrte verbreiten nur ihr Zeitungswissen

Gesendet wird trotzdem

Andererseits könnte mancher Professor zum Thema durchaus beisteuern, was Moderatoren und Leitartikler eben doch nicht wissen. Nur kann das kontextlose Zitat oder die 75-Sekunden-Einspielung häufig nicht mehr enthalten als banale Erkenntnisse.

"Ich kann mir nicht vorstellen, dass die CDU ganz auf die Kohl-Generation setzen will", analysierte kürzlich im heute-journal des ZDF der renommierte Bonner Historiker Hans-Peter Schwarz. Der Adenauer-Biograf hat der Union sein halbes Forscherleben gewidmet. Zum CDU-Machtkampf und zur Parteienkrise weiß er viel zu sagen, etwa warum welche Generation Kohls Erbe antreten könnte oder eben nicht. Doch Schwarz musste sich erst warm reden. So verflog beim Zuschauer die Freude über die - diesmal wirklich kompetente - Stimme. Als der Professor in Fahrt kam, moderierte sein Interviewer Wolf von Lojewski schon wieder zum Nachrichtenblock über.

Eine scharfe Analyse des bundesdeutschen Parteienstaates ist derzeit gleichermaßen bei Journalisten, Politikern und verstörten Wählern gefragt. Aus gutem Grund. Die schnelle Erklärung ins Mikro, die knackige Vokabel als Textgarnitur werden die Journalisten von den Experten daher weiterhin leicht erheischen. Doch die Zunft der Politologen schadet sich selbst, wenn sich ihre Vertreter ohne mediales Handwerkszeug zur Dauerkommentierung verleiten lassen. Und die wirklich guten Analytiker werden vom Ansehensverlust, der mit der Dauerpräsenz ihrer Kollegen in den Medien einhergeht, in Mitleidenschaft gezogen. Denn der Hautgout des TV-Professorentums erfasst auch jene Minderheit gewissenhafter Forscher, die der Fernsehversuchung von Millionenpublikum und Tausenderhonorar standhält.

Unterdessen verludern die Sitten weiter. In einem öffentlich-rechtlichen Brandenburger Radiokanal kommentierte letzthin mehrfach ein Politikstudent die Landtagswahlergebnisse, live zugeschaltet als "Parteienforscher der Universität Göttingen". Ein Fall für den besorgten Ordinarius von Alemann? Im Prinzip ja. Doch den gibt es ja nicht mehr - er hat sich längst zur kommentierfreudigen Politologenschar gesellt. Und müsste seine Kurzanalysen im Übrigen erst einmal an den Urteilen des pfiffigen Studenten messen lassen.

· Wigbert Löer hat Politologie studiert und besucht die Henri-Nannen- Journalistenschule in Hamburg.