Washington

Bill Clinton glaubt, nur Amerika könne "die Welt zu Frieden und Freiheit leiten". Der Präsident der Vereinigten Staaten steht mit seiner Meinung nicht allein, schon gar nicht, wenn es konkret wird. Als er jüngst den deutschen Bewerber für die Leitung des Internationalen Währungsfonds (IWF) ablehnte, sprang ihm kurzerhand die gesamte amerikanische Presse bei: Applaus für sein leadership ; die Welt habe wieder einmal die Lektion gelernt; ohne und gegen Amerika gehe rein gar nichts.

In der Tat glaubte die Bundesregierung, einen Mann ihrer Wahl zum IWF-Chef küren zu können, ohne auf Vorbehalte aus Washington und New York zu achten. Naiv war das. Mit Horst Köhler ist nun zwar ein formidabler Kompromisskandidat da. Aber damit ist die Sache nicht erledigt. Der Streit um den IWF-Chefsessel war weit mehr als ein Zwischenfall - er ist der Ausdruck einer kleinen Revolution: Nicht nur Frankreich trotzt (seit alters her) dem Führungsanspruch der USA. Auch Deutschland beginnt, sich zu emanzipieren. Unbeholfen zwar und noch ohne Erfolg, aber mit dem Zuspruch seiner europäischen Partner. Kein Wunder also, dass es in der Partnerschaft knirscht. Und das ist gut so. Es bleibt die institutionelle Gemeinschaft, aber wie steht es um die Wertegemeinschaft?

America first , die anderen folgen - nach dem alten Motto lassen sich die heutigen Probleme immer seltener lösen. Beispiele? Fast die ganze Welt bejaht internationale Abkommen über Klimaschutz, Stopp von Atomtests, Verbot von Landminen, Bestrafung von Kriegsverbrechern durch einen internationalen Strafgerichtshof. Doch Amerika mauert, weil es Nachteile fürchtet und das Recht des Stärkeren dem Völkerrecht vorzieht. Todesstrafe, Kinder hinter Gittern: Europa protestiert, Amerika verbittet sich Kritik. "No" ist die häufigste Antwort, die über den Atlantik herüberschallt.

Amerika mischt sich im Großen wie im Klitzekleinen ein. Es sagt den Europäern, welche neuen Mitglieder sie in die Union aufnehmen sollen. Es glaubte, selbst auf den Wortlaut der Entschuldigung von Bundespräsident Johannes Rau gegenüber den Zwangsarbeitern Einfluss nehmen zu dürfen. Washington wollte sogar bei der Entscheidung über den Verlauf der Umgehungsstraße um die US-Botschaft in Berlin das letzte Wort haben - eine lächerliche Episode, symptomatisch ist auch sie.

Starkes Amerika, schwaches Europa - an diese ungleiche Beziehung hatte man sich gewöhnt. Und keine Frage: Die Europäer fühlten sich lange Zeit wohl in den Armen des großen Bruders, es war bequem. Doch die Welt sieht heute anders aus. Europa ist aus der Starre des Kalten Kriegs erwacht und sucht seine Rolle. Eine politische Union wurde gegründet, deren Gewicht noch klein ist, aber wächst. Und das hat weitreichende Folgen für das Bündnis mit Amerika. Der Alte Kontinent wird etwas selbstständiger. Vorbei sind die Zeiten, da man gleich Angst vor der eigenen Courage hatte und Meinungsunterschiede lieber unter den Teppich kehrte.

In aller Dramatik tat sich die Kluft im Kosovo-Krieg auf. Noch während die Bomben fielen und die Nato ihren Zusammenhalt feierte, murrten die Vereinigten Staaten über den unbrauchbaren Kriegsapparat der Verbündeten. Die Europäer wiederum klagten über amerikanische Dominanz - damals noch mit altgewohnter Larmoyanz. Inzwischen jedoch ziehen sie Konsequenzen: Stärkung der Vereinten Nationen und Ausbau der europäischen Verteidigungsgemeinschaft, so lautet die europäische Lehre aus dem Krieg. Ganz anders die Schlussfolgerungen der Amerikaner: Sie sehen im Kosovo den Probefall für eine allenthalben einsatzbereite Nato, unter amerikanischer Führung, versteht sich. "Die USA sind der Mannschaftschef, oder sie sitzen schmollend in der Ecke", schrieb der amerikanische Historiker Paul Kennedy unlängst. Ach, wenn es so einfach wäre!