Gefahrenszenarien in Europa klingen ganz anders: Völkerwanderungen und teils auch Umweltschäden fürchten die Bürger, implodierende Staaten vielleicht - aber Bomben von Saddam? Wenige Europäer können den Sinn des geplanten Raketenabwehrsystems einsehen. Und für teure Verteidigungspläne haben sie angesichts ihrer hohen Arbeitslosigkeit kein Verständnis. Europas Regierungen sehen in dem amerikanischen Projekt eine noch viel grundsätzlichere Gefahr: Es würde nicht nur gegen den ABM-Vertrag zwischen den USA und Russland verstoßen, sondern könnte - da auch China Protest anmeldet - das Sicherheitsgleichgewicht der Welt insgesamt destabilisieren. Doch solche Einwände verhallen in Washington.

Die Mehrzahl der Amerikaner interessiert sich wenig für die Welt. Ist ihr Land nicht jetzt schon die stärkste Macht aller Zeiten? Im Erfolgsrausch erleben sie derzeit Amerika als Modell ohnegleichen. Wer wollte es ihnen verdenken? Nicht nur ihre Verteidigung ist die beste der Welt. Die Währung ist stark wie keine zweite, die US-Börse eilte von Rekord zu Rekord, die Arbeitslosigkeit ist nahezu ausgerottet, und die Hegemonie über das Internet - das Medium dieses Jahrtausends - scheint längst gesichert. Nur ein paar unverbesserliche Nörgler mögen da leise einwenden, dass die new economy noch nicht krisenerprobt sei, die Börsianer das Augenmaß verlören und die Auslandsschuld viel zu hoch sei. Die Mehrheit der Amerikaner genießt schlicht den American Way of Life. Und die Elite in Wirtschaft und Politik feiert mit. Kritik von außen dringt da nur noch selten durch.

Leslie Gelb, Chef des Council on Foreign Relations und einer der wenigen, die den Sorgen aus Europa noch Gehör schenken, warnt regelmäßig vor amerikanischer Selbstbezogenheit. Mit sinkendem Erfolg.

Die Folgen für das Bündnis mit Europa? Es wird noch stärker kriseln. Die selbstverliebte Großmacht und der sich mühselig zusammenraufende Kontinent sind jetzt nicht gerade ein Traumpaar. Doch der Zwist bietet eine seltene Chance: Wie das Beispiel des IWF zeigt, schaffte es Europa - trotz aller internen und namentlich deutsch-französischen Querelen, die seine Stellung schwächten - am Ende, geeint aufzutreten. Lord Dahrendorfs Pessimismus ("Wenn es ernst wird, gibt es Europa in internationalen Fragen nicht") ist überholt.

Einigkeit indessen genügt nicht, Europa muss auch immer wieder politische Konzepte erarbeiten und vertreten, zum Beispiel über die künftige Rolle des IWF. Nur so lohnt sich der Streit mit den USA. Ein geeintes Europa nicht nur mit Ansprüchen, sondern auch mit eigenen neuen Ideen würde möglicherweise statt Argwohn zu wecken Respekt finden - auch wenn es noch lange nicht ein gleichwertiger Partner sein wird.