Unsere Medienwirklichkeit erzieht die Menschen zu Selbstdarstellern. Sie wissen schon vom Zuschauen her, wie man vor einer Kamera agiert, und sie kennen keine Scheu. Wer heute eine Doku über irgendeinen Bezirk des Allzumenschlichen drehen will, findet Gewährsleute an jeder Straßenecke. Sie sind alle auskunftsfreudig, manche kameratauglich und einige witzig. Sogar wenn es um ein so großes und altes Thema geht wie: Was macht eine Frau zur Frau?

Ist es das Kinderkriegen? Kirsten Eschs brillante Reportage aus der Subkultur der werdenden und gewordenen Mütter ließ die Frage wohltuend offen. Am Ende legte ein per Eingriff zur Frau gewordener Mensch - größter Augenblik im Leben war die postoperative Anrede des Chirurgen: "Madame ..." - die negative Antwort nahe. Hier sah jemand aus wie eine Frau, fühlte sich als Frau und hatte nicht mal eine Gebärmutter. Zuvor sah man künstlich befruchtete, freiwillig sterilisierte, böswillig verlassene und einigermaßen normale Frauen das Los bejammern und bejubeln, das sie als Mütter tragen. Esch zeigte mit der Vielfalt der Meinungen und Schicksale, aber auch durch ihre spielerisch-souveräne Montagetechnik, dass die Titelfrage inzwischen aus dem öffentlichen Bereich sozialer Definitionsmacht in die privaten Räume persönlicher Präferenzen gewandert ist.

Insgesamt verflüchtigte sich im Laufe des Abends das fest umschriebene Weibliche immer mehr, und das war gut so. Fernsehen wird oft gescholten, es zeige zu wenig, was sich lohnt zu wissen. Dabei tut es etwas viel Wichtigeres: Es zeigt, wie wenig wir wissen.