Hinterher will es wieder niemand gewesen sein. Verwundert werden alle fragen: Warum musste die CDU ausgerechnet Angela Merkel zur Parteivorsitzenden machen? Spätestens zwei Wochen nach ihrer Wahl dürfen wir besorgte Überschriften erwarten: Kann sie das? Scheitert Merkel? CDU wohin?

Die Mediendemokratie lebt vom kurzfristigen Hinauf- und Herunterschreiben politischer Akteure. Die gegenwärtige Merkel-Hausse hat ihre lustigen Seiten, etwa die Frisurvorschläge in der Bild-Zeitung. Aber die Einmütigkeit der Journalisten ist auch beklemmend: In der Euphorie darüber, dass man der CDU offenbar eine Vorsitzende einfach so auf den Leib schreiben kann, scheint die Frage ganz nachrangig, was Angela Merkel politisch geleistet hat. Das mag daran liegen, dass man sich an herausragende Merkel-Initiativen kaum erinnern kann. Als junge Ost-Frau bediente sie - größter Pluspunkt bei ihrem Förderer Kohl - eine Dreifachquote, ohne das Machtgefüge in der Union zu stören. Als Familienministerin blieb sie blass, als Umweltministerin vertrat sie nette Standpunkte, die in der CDU allerdings nicht mehrheitsfähig waren.

Merkel war auch an einem familienpolitischen Grundsatzpapier beteiligt, das die Union auf den gesellschaftspolitischen Stand der Achtziger-Jahre-SPD bringt. Über ihre Vorstellungen zur Zukunft der CDU oder des Konservativismus weiß man wenig. All dies deutet nicht darauf hin, dass Merkel geeignet ist, die große Volkspartei CDU und besonders deren rechten Rand zusammenzuhalten.

Doch was kümmert die Journalisten die langfristige Wohlfahrt der CDU? Es ist doch schön, wenn die Union endlich auch ein bisschen in die große neue konturlose Mitte rückt, wo alle es so modern und behaglich haben.