Eine Kamelienblüte ist ein kreisrundes zartes Wunder, das Verehrer zuweilen am tiefen Ausschnitt einer Schönen entdecken. Es erinnert an Zeiten, als die Lust noch ein Laster war und zu einem Herzschmerz führte, an dem man zu sterben glaubte.

Eine Kamelienblüte wächst in Wahrheit an einem Baum, und ein solcher Baum kann über die Jahre acht oder zehn Meter hoch werden und trägt dann Hunderte von Blüten, in Schneeweiß oder in tiefem Rosa, in Rot-Weiß geflammt, in offenen Schalen oder zu dichten Strudeln gedreht, und wenn man dann den Kopf in den Nacken legt und hochschaut, ist auch das ein Anblick, der schmerzlich im Herzen ziehen kann. Wenn 10 oder 20, gar 30 solcher Bäume sich entlang eines Weges aneinander reihen, Bäume mit glänzendem dunklen Laub, von dem der Regen tropft, auf einen Teppich von abgeworfenen Blütenblättern, auf müdes Altrosé oder vergilbendes Weiß, dann ist das fast mehr, als man ertragen kann. Auch wenn man extra von Frankfurt oder Mönchengladbach angereist ist, mit lästigen Zwischenlandungen irgendwo, um sich auf Madeira, der Insel der Blumen, wie es im Tourismusdeutsch heißt, so etwas anzusehen. Selbst hoffnungslos Pflanzenverrückte müssen einmal durchatmen, wenn sie in den Garten der Familie Blandy durch das steinerne Tor treten und die Allee der Kamelienbäume in einer sanften Rechtsbeuge den Berg hinuntereilen sehen.

Links oben am Hang wühlt der Wind im gelben Blütenschaum der Mimosenbäume.

Ihnen zu Füßen erheben Hunderte von Callas ihre weißen Trompeten, die in einer Verschwendung blühen wie bei uns im Sommer nur der gemeine Löwenzahn.

Rechts unten in der Schlucht haben Baumfarne ihre weiten Schirme entfaltet, bewacht von Heerscharen der orangeroten Montbretien-Speere. Und noch haben wir gar nicht gesehen, wie sich der Rasen sattgrün zu dem weißen Haus hinzieht, nicht die Dombeya identifiziert, von der die rosafarbenen Blütentrauben schwer herunterhängen. Die Insel Madeira, die eine vulkanische Eruption zwei knappe Flugstunden von Lissabon entfernt in den Atlantischen Ozean platzierte, ist unter botanischen Gesichtspunkten eine Offenbarung.

Ein kleines Gebirge aus roter Lava. Gut 50 Kilometer lang, etwa 20 Kilometer breit und in der Mitte steil aufragend, bis auf 1800 Meter hoch. Der Boden, aus mineralhaltigen Schlacken, ist immens fruchtbar. Die Temperatur, im Winter wie im Sommer, ist außerordentlich gnädig. Ein einziger Frühling!

Durchschnittlich 16, 17 Grad. Hitze ? Selten. Frost? Nie! Die Winde sind immer günstig, und sie tragen fleißig Wolken herbei, dicke, schwarze Wirbel oder triefende grauweiße Fetzen, die dann im Gebirge hängen.