Seine Frechheit war atemberaubend. An Männern schätze er, so bekannte Alphons Silbermann, der am Sonntag im Alter von neunzig Jahren starb, "schöne Beine", an Frauen "Dummheit". Seinen berühmtesten wissenschaftlichen Gegner, Theodor W. Adorno, nannte der Soziologe "einen nicht unliebenswürdigen Kleinbürger".

Silbermann selbst war gesellschaftlich exterritorial wie der Held eines Schelmenromans. Der jüdische Kölner Bürgersohn, studierter Jurist, früh beeindruckt von Max Weber und Emile Durkheim, musste sich im Exil als Nachtclubangestellter und als Imbissunternehmer durchschlagen. Diese Erfahrungen und die Klassenlosigkeit der schwulen Liebe verschafften ihm Einblicke in die Gesellschaft, vor denen empirische Sozialforschung verblasst. Dass der in seine Heimatstadt zurückgekehrte Silbermann seinen Traum verwirklichen konnte und Professor wurde, bedeutete nur einen weiteren Rollenwechsel. Als Soziologe blieb er Moralist im klassischen Sinn, einer, der die Sitten - also die Gesellschaft - am eigenen Leib erprobt. Seine Fachgebiete waren die Kommunikationswissenschaften und die Musiksoziologie.

In einem Aufsatz in der ZEIT nahm er 1996 die Luft aus der so genannten Medienwissenschaft mit ihren Datensammlungen und allgemeinen Theorien, indem er für eine Wirkungsforschung in sozialen Milieus plädierte. Sein bedeutendstes Werk ist, kaum überraschend, seine Autobiografie, seine lebhaftesten Wahrnehmungen galten den Einrichtungssitten und dem untergründigen Antisemitismus der Deutschen, also der Bosheit, die es sich hinter Gardinen bequem macht. Aber der Mann, der über die "Arschkriecherei" reflektierte, war kein Griesgram. Die Freiheit des Alters benutzte er für eine letzte Karriere als Popstar in Talkshows, der die Dinge bei ihrem Namen nennt. Dass Bild ihm einen Nachruf widmete, hätte ihn nicht gestört: "Ein ganzer Kerl, dem nichts erspart blieb, der aber auch nichts ausließ."