Was haben Kinder bloß früher den lieben langen Tag getrieben, als noch keine Animateure ihrem segensreichen Gewerbe nachgingen, als noch Amateure - Eltern, Oma, Onkel - für das Amüsement der Heranwachsenden zuständig waren?

Zeiten waren das, in denen Kinder ihren Erziehungsberechtigten mit dem Vorwurf, sie langweilten sich, noch keine massiven Schuldgefühle aufgeladen haben. Als der Hinweis noch half, das Leben sei eben so.

Dass vorsintflutliche Weisheiten heute nicht mehr gelten, ist auch ein Verdienst von Walt Disney. Langeweile ist ein Laster, und Mickey Mouse heißt die Erlösung. Pinocchio, Peter Pan und der König der Löwen holen die Kinder von der Straße und lehren sie, an das Gute im Menschen und gern auch im Tier zu glauben. Aus den Comics wurden Zeichentrickfilme, dann ein magisches Königreich, ganze Disney-Welten und neuerdings auch Kreuzfahrten. Planet Disney.

Mit 70 Jahren hat Mickey Mouse sein Kapitänspatent erworben. Seine weltweit bekannten Ohren schmücken die beiden roten Schornsteine der Disney Magic, die seit über einem Jahr zweimal in der Woche von Port Canaveral in Sichtweite der Nasa-Startrampen in die karibische See sticht. Die Seenotübung gewährt ein erstes Panorama auf das Publikum: 2200 Passagiere schauen aus ihren Schwimmwesten mit bangem Blick auf die Rettungsboote. Über Lautsprecher wird bekannt gegeben, dass es für alle einen Platz im Boot gibt. Und Eisberge sind auf der Route zu den Bahamas auch nicht zu befürchten.

Mindestens ein Viertel der Gäste sind Kinder vom Säugling bis zum Teenager.

Drei von ihnen, Brittany, Taylor und Christian, gehören zur Familie Viniarski, die aus dem verschneiten Philadelphia auch noch die Oma und den Opa mitgebracht hat. Drei Tage in der Disney World in Orlando hat der Clan schon absolviert, weshalb der vierjährige Christian beim Abendessen frühzeitig den Löffel weglegt und einschlummert. Der Kellner bringt statt des Hauptgerichts zwei Kissen. Die Großeltern erscheinen etikettewidrig in kurzen Hosen zum Dinner, weil ihre Koffer auf dem Transport von Orlando auf das Schiff verschollen sind.

Wer anders als Disney wäre dazu prädestiniert, die von der christlichen Seefahrt bislang sträflich vernachlässigte Zielgruppe der Familien hinaus auf die sieben Meere zu locken? Kinder wollen sich nicht stundenlang, tagelang an die Reling klammern. Von einem schwimmenden Freizeitpark schweift der Blick nicht sinnend in die Ferne, sondern nach innen - auf die Leinwand oder die Bühne.