Das wäre natürlich gelogen. Denn das Meer ist so ruhig und die Disney Magic mit 83 000 Tonnen so kolossal, dass man unterwegs schon mal vergessen kann, auf einem Schiff zu sein. Genug Platz auch, um dem Kindergewimmel zu entfliehen. Ein Restaurant, das Fitness- und Beauty-Center, eine Diskothek und eine Lounge sind für Erwachsene reserviert. Von Romantik für Liebespaare raunt der Katalog, nur scheint niemand den weitläufigen Adult only-Bereich dafür nutzen zu wollen.

Der Berlitz-Kreuzfahrtführer hat das Fehlen einer Bibliothek bemängelt. Aber dafür gibt es Bingo, einen Wettbewerb um den effektvollsten Bauchklatscher, Karaoke für die Teens, Comedy-Darbietungen, Seminare für Haut und Haare in der Beauty-Abteilung, Disney-Filme und - Höhepunkte für Souvenirjäger - die Character Appearances.

Dahinter verbergen sich die Audienzen berühmter Disney-Figuren von Mickey Mouse über Chip & Dale bis hin zu Goofy und Pluto. Noch bevor die Stars selbst zum Fototermin erscheinen, organisiert ein Dutzend Besatzungsmitglieder die Warteschlangen. Einer nach dem andern darf Mickey Mouse kurz herzen, der Bordfotograf drückt auf den Auslöser, und der Nächste, bitte! Hundert Dollar zahlen die Viniarskis für zehn postkartengroße Fotos mit Micky, Minny und Pluto.

Den dritten und letzten Tag verbringt die Disney Magic auf hoher See. Nur wer genau aufpasst, dem fällt auf, dass die Silhouette des bahamaischen Hafens Freeport abwechselnd an Steuerbord und Backbord auftaucht. Das Schiff fährt gemächlich im Kreis herum. Eine Disney-Kreuzfahrt hat nichts mit einer maritimen Entdeckungsreise zu tun.

Hier lockt nicht der Zauber der Fremde, sondern der Zauber des Vertrauten.

Wenn man mit Kindern zu Hause in Michigan in einen Park geht, kann es einem passieren, dass sie für immer verschwinden, sagt eine Siebzigerin, die ihre Enkel eingeladen hat. Auf der Disney Magic ist selbst die Reling so hoch und mit einer Plexiglasscheibe gesichert, dass kein halbwüchsiger Klettermax hinaufkommt. Diese Details und die für Disney typische Perfektion dürften zum prompten Erfolg der Disney Cruise Line beigetragen haben. Zur 1998 in Dienst gestellten Disney Magic kam im vergangenen Herbst noch ein Schwesterschiff namens Disney Wonder, und im Laufe dieses Jahres will der Konzern über den Bau weiterer Kreuzfahrtschiffe entscheiden.

Zum Abschied in Port Canaveral winkt Captain Mickey den Viniarski-Kindern Brittany, Taylor, Christian und all den anderen Passagieren ein letztes Mal putzig hinterher. Schöne Träume, allerseits!