Sie malt sich selbst. An der Bar sitzend, die Flaschen vor sich im Regal, das "No Smoking"-Schild darüber, die Hand mit der glimmenden Zigarette streicht durchs blonde Haar. Kräuselt hier Zigarettenrauch als letztes Zeichen des Widerstandes einer Generation, der Joni Mitchell einst ihr Woodstock vorsang?

Ein anderes Bild: Der Gentleman mit hochgestelltem Anzugkragen blickt geschmerzt-gelangweilt in einen Ballsaal mit gezeichneten Modemagazin-Paaren.

Ist Bryan Ferry endlich am Ziel, mitten im Fred-Astaire-Ambiente der Swing-Ära?

Joni Mitchell und Bryan Ferry erweisen mit ihren neuen CDs As Time Goes By und Both Sides Now der amerikanischen Popularmusik der dreißiger und vierziger Jahre ihre Reverenz: Das Great American Songbook ist für viele zum großen Laufsteg geworden. Ob George Michael mit Songs From The Last Century das Musikdesign für die Modeboutique liefert, Herman Brood seinen Schweiß dem Swing schenkt oder Sinead O'Connor schon vor Jahren mit Am I Not Your Girl?

zurückblickte - wem wenig einfällt, wer neue Kraft schöpfen und sich selbst Gutes tun will, singt Standards, sie können sich nicht wehren.

Bryan Ferrys gepflegte Affektiertheit, die zu Roxy-Music-Zeiten den Rocksongs so gut stand, weil sie das Harte und Direkte mit Ironie weich zeichnete, trifft jetzt auf das Sentimentale und die Nonchalance der Standards eines Rodgers & Hart oder Cole Porter und neutralisiert sich. Dazu passend die historisch zeitgemäße Jazzinstrumentierung - und die modischen Skizzen werden vollends zickig. Nur wenn er zur kleinen Streicherbesetzung singt, wenn er Songs wie Where Or When, Falling In Love Again oder Miss Otis Regrets ernst nimmt, verwandelt sich das Design wieder zu schmelzendem Stil (Virgin 848 271).

Joni Mitchells Standard-Interpretationen (WEA 47620) sind wie ihre Gemälde, die sie regelmäßig in den CD-Beiheften abdrucken lässt: geschmackvolle, gekonnte Kopien, gegen die nichts einzuwenden ist, außer - sie sind überflüssig. Orchester in wagnerianischer Besetzungsgröße schwelgen im Sinatra-Stil der fünfziger Jahre, sie umschmeicheln den Liebeslied-Zyklus und überziehen die Träume mit Marzipan-Akkorden. Filmmusik. Die Ausnahmen: zwei eigene Songs, die sie als Klassiker singt. A Case Of You erzählt sie aus der Distanz einer Überlebenden, Both Sides Now mit der Selbstverständlichkeit, vor 33 Jahren alles gesagt zu haben. Und dazu wird sie vom Sopransaxofon Wayne Shorters umspielt, als habe Jan Garbarek zu Standards gefunden.