Man kann Tausende Kilometer durch die Volksrepublik China reisen, ohne je im Land der Gelben Kaiser anzukommen, so gründlich haben Mao und die Kulturrevolution die Spuren chinesischer Tradition vernichtet. Doch es bedarf nur eines kleinen Abendspaziergangs über den von roten Laternen erleuchteten Nachtmarkt von Taipei, der Hauptstadt Taiwans, um den Besucher in die Welt des alten China zurückzuversetzen. Nicht nur Ming-Möbel und goldlackierte Teekannen sind zu bestaunen. Hier treiben Hunde-, Schlangen- und Schildkrötenköche ihr von Tierschützern verteufeltes Geschäft. Umweht von Suppendüften und Weihrauch, durchschreitet man die engen Gassen zum Drachenberg-Tempel. Jung und Alt zieht es zum Gebet vor die lokalen Gottheiten wie eh und je.

Der Anblick ist betörend und irreführend zugleich. Denn nicht mehr Tradition und Tempelleben bestimmen den Alltag der Taiwaner, sondern High-Tech, Pop und Mode. So stark ist die kleine Insel vor der südchinesischen Küste im Zuge der Globalisierung neuen Einflüssen aus Japan und den Vereinigten Staaten ausgesetzt, dass die alte, nationalchinesische Identität ihrer Bewohner, deren Vorfahren fast alle vom Festland stammen, dem Verschwinden nahe ist.

Der in wenigen Wochen aus dem Amt scheidende taiwanische Präsident Lee Teng-hui hat seinem Volk deshalb einen neuen Namen gegeben: "Neutaiwaner" seien die Insulaner.

Nie zuvor war der Identitätswandel auf der Insel so spürbar wie jetzt kurz vor der zweiten freien taiwanischen Präsidentschaftswahl am 18. März. Die neue Demokratie, kaum vier Jahre alt, zwingt zum Bekenntnis. Alle drei aussichtsreichen Kandidaten behaupten von sich, Taiwaner zu sein. Keiner von ihnen wagt mehr, sich als Chinese zu bezeichnen. Das wäre unpopulär.

Gleichzeitig aber befürworten die Kandidaten Verhandlungen mit Peking, um ein friedliches Nebeneinander zu sichern. Mehr aus Angst vor einem militärischen Eingreifen Chinas denn aus Überzeugung kündigen sie die traditionelle Ein-China-Politik nicht auf, derzufolge sich beide Seiten, Peking und Taipei, als rechtmäßige Nachfolger des gesamten Kaiserreichs betrachten. Offiziell bleibt die Insel deshalb eine Provinz Chinas.

So gewöhnt sich Taiwan an eine fundamentale Lebenslüge. Denn das neue Taiwanertum ist ohne Streit mit China nicht zu haben. Zwar ist auch in der Volksrepublik offiziell von Dezentralisierung, regionaler Identität und interkultureller Toleranz die Rede. Doch gerade der nationalistische Wunsch nach Wiedervereinigung mit Taiwan ist in der Bevölkerung der Volksrepublik weit verbreitet. "Auch ihr seid Chinesen!", schallt es vom Festland herüber.

Doch nur noch 12 Prozent der Taiwaner definieren sich als Chinesen