Rund 1,3 Billionen Mark haben sich Bundesbürger geliehen, um Häuser zu bauen oder Eigentumswohnungen zu finanzieren. Zu diesem gigantischen Schuldenberg gehören ungezählt viele Kreditverträge. Von diesen werden pro Jahr etwa eine viertel Million vorzeitig durch Bankkunden gekündigt. Jede dieser Kündigungen hat eine eigene Geschichte. Manchmal sind es tolle Storys, eine überraschende Erbschaft des bislang ungekannten Erbonkels in Amerika etwa - der Baukredit wird nicht mehr benötigt. Oder clevere Privatleute und pfiffige Firmen wollen die günstigen Zinsen nutzen und kündigen deshalb ihre teuren alten Kredite, um einen billigen neuen Kredit aufzunehmen. Häufig ist eine Scheidung der Grund für eine vorzeitige Kündigung eines Hypothekendarlehens.

Ob Notfall oder freudiger Anlass - in jedem Fall verlangen die Kreditinstitute eine so genannte Vorfälligkeitsentschädigung als Ersatz für die ihnen entgangenen Zinsen.

Der Streit aber darüber, wie die berechnet wird, beschäftigt schon seit langem die Gerichte. Grundsätzlich soll die Bank "finanziell weder benachteiligt noch begünstigt" werden, forderte der Bundesgerichtshof (BGH) schon vor Jahren (XI ZR 267/96). Dafür können nun aber nicht einfach die entgangenen Zinszahlungen als Entschädigung verlangt werden, schließlich kann die Bank ihr früher zurückerhaltenes Geld wieder anlegen, entfallen Risikozuschläge und Bearbeitungskosten. Am Ende jahrelanger Prozesse gelangte der BGH dann im Mai 1998 zu einer weitreichenden Entscheidung (Nichtannahmebeschluss XI ZR 340/97): Danach darf für die Berechnung des Schadens nicht nur der nominale Zinssatz zugrunde gelegt werden, sondern es kann auch der Effektivzinssatz (= Zinsen plus Gebühren eventuell plus Disagio) angewendet werden. Seither beziehen sich Geldinstitute regelmäßig auf diesen höchstrichterlichen Spruch aus Karlsruhe, und nachfragende Kreditsachbearbeiter oder skeptische Verbraucher werden mit dem Hinweis auf den BGH abgespeist.

Doch der Finanzexperte Arno Gottschalk von der Verbraucherzentrale Bremen wirft vielen Instituten vor, mit "höchst eigenwilligen Berechnungsmethoden" und "Pseudo-Effektivzinsberechnungen" zu arbeiten. Deshalb fällt, so seine Kritik, die Entschädigung dann häufig zu hoch aus. In einer Beispielrechnung für ein zehnjähriges Darlehen über 300 000 Mark kommt der Ökonom, der Jahr für Jahr Kreditverträge über mehr als 100 Millionen Mark prüft, auf Unterschiede von bis zu 9000 Mark. (Das Kritikpapier wird gegen Vorausscheck über 8,- Mark versendet: Altenweg 4, 28195 Bremen, Tel. 0421/160 77 51.)

Rasch werden Kreditnehmer mit vierstelligen Summen belastet

Die beklagten Differenzen ergeben sich durch unterschiedliche Rechnungswege.

Grundsätzlich kann entlang des nominalen Zinssatzes gerechnet werden, was Verbraucherzentralen mögen. In der Praxis wird jedoch oft der höhere Effektivzins zugrunde gelegt. Bei korrekter Anwendung, so Kritiker Gottschalk, würden auf beiden Rechenwegen gleiche Ergebnisse herauskommen, aber eben nur bei korrekter Anwendung: "In der Praxis ignorieren jedoch die meisten Kreditinstitute, die mit dem Effektivzins rechnen, die Besonderheiten dieses Ansatzes." Beispielsweise werde mit dem Effektivzins gerechnet, der beim Start des Kredits gelte, oder es werde ein zu niedriges Restdisagio ausgewiesen oder die je nach Methode unterschiedlichen Darlehensverläufe ignoriert. Im Ergebnis werde dann vom Kunden eine zu hohe Vorfälligkeitsentschädigung kassiert. Die Differenzen können "sich schnell auf eine vierstellige Summe belaufen", ermittelte der Bremer Berater. Im Extremfall müsste ein Bankkunde in Gottschalks Beispielrechnung rund 30 000 Mark an Vorfälligkeitsentschädigung zahlen. Korrekt wären aber nur 21 000 Mark. Unterstützung erhält Gottschalk von anderen Verbraucherzentralen.