Nach der Macht des Papstes haben schon viele gefragt. Der sowjetische Diktator Stalin spottete: "Wie viele Divisionen hat der Papst?" In dieser Woche fragen sich viele: "Wie viel Spielraum hat der Papst?" Spielraum, um die richtigen Worte zu finden, mit denen er sich am Sonntag im Petersdom für die schwarzen Kapitel der 2000-jährigen Kirchengeschichte "entschuldigen" will.

Dabei kommt es zu einem bezeichnenden Paradox: Ausgerechnet die kirchenfernen Zeitgenossen spekulieren auf eine kirchengeschichtlich weitreichende, geradezu revolutionäre Erklärung

denn sie glauben, der Papst hätte die Macht dazu. Je näher aber die katholischen Amtsträger dem Vatikan attachiert sind, wenn sie gar der römischen Kurie angehören, desto enger reduzieren sie den Spielraum des Pontifex maximus auf ein Minimum. Als wollten sie dem Papst signalisieren: Du hast keine Chance, aber nutze sie. Wenn du unbedingt willst.

Was aber will und kann der Papst selbst? Was er will, lässt sich seit einiger Zeit in Umrissen erkennen. Er möchte um Vergebung bitten für die - und hier, so wäre mit Faust zu sagen, stock ich schon. Denn gerade um dieses "Wofür?"

zieht sich ein zäher Streit. Im Zeitungsdeutsch der Zeitgenossen würde man fortfahren, für die Sünden der Kirche in ihrer langen Geschichte: für die blutigen Kreuzzüge, die Inquisition, den Judenhass, die gewaltsamen Missionierungen, für das viel zu schwache Aufbegehren gegen Faschismus, Nationalsozialismus, den Judenmord.

Aber in der scholastischen Präzision der Theologie ist das alles nicht so einfach: Wer kann um Vergebung bitten - und bei wem? Für wessen Taten? Für die Taten einzelner Menschen oder (da wird es brisant!) für das Verhalten der Kirche selbst und insgesamt? Wenn die Bitte um Vergebung die Einsicht in eigene - also persönliche - Schuld voraussetzt: Wie kann man dann um Vergebung für die Schuld von Menschen bitten, die längst nicht mehr leben - und die, als sie lebten und wüteten, entweder kein Schuldbewusstsein hatten oder in ihrem geistigen Umfeld gar keines haben konnten? Will man aber von der zeitensprengenden Schuld "der Kirche" schlechthin sprechen: Wie kommt man dann an der Konstruktion einer zeitlosen Kollektivschuld vorbei, die wir doch sogar im Hinblick auf die Schuld "der Deutschen" als logisch abwegig ablehnen? Umgekehrt aber: Wie könnte man angesichts der gesamten Kirchengeschichte (übrigens: nicht nur der katholischen Geschichte) mit all ihren grässlichen Verfehlungen an der Fiktion einer Kollektiv-Unschuld festhalten, die sich säuberlich trennen ließe von der durch keine Vergebungsbitte mehr zu erreichenden Individualschuld?

Die Sache ist also viel komplizierter, als es der geistig überaus schlampige Gebrauch des Wortes "Entschuldigung" nahe legt, der in der aktuellen Politik im Schwange ist. Da dient der Begriff ja gerade dazu, die Einsicht in Schuld und Verantwortung zu vernebeln. Und selbst die noblen Vergebungsbitten von Bundespräsident Herzog in Polen (im Jahr 1994) und jüngst von Bundespräsident Rau in Jerusalem würden bei einem echten Scholastiker Rückfragen auslösen.