Ein Jahr nach dem Beginn der Nato-Angriffe auf Serbien steckt die Politik des Westens in einer Sackgasse. Aus den Vertriebenen sind Vertreiber geworden. Statt eines multiethnischen Kosovo zeichnet sich immer deutlicher eine Spaltung der Provinz ab, deren künftiger Status weiterhin ungeklärt ist.

An einen Abzug der internationalen Truppe ist in absehbarer Zeit nicht zu denken. War die Intervention also an sich ein Fehler? Ist sie nur falsch durchgeführt worden? Wie sähe die Provinz heute aus, wenn der Westen sich herausgehalten hätte? Welche Lehren sind zu ziehen?

Ein neues Buch weicht diesen Fragen systematisch aus, weil es die Antworten schon parat hat. Der Weg in den Krieg hat Matthias Küntzel sein vergangene Woche erschienenes Elaborat betitelt. Er weist zu Recht die rein moralischen Begründungen für die Nato-Intervention zurück, unterzieht sich aber nicht der Mühe, die gewiss interessengeleitete Politik der westlichen Staaten differenziert nachzuzeichnen. Seine Methode ist relativ einfach: Es gibt eine Hauptthese, die da lautet, dass Deutschland seit 1990 - also schon ein Jahr vor dem Krieg gegen Slowenien und Kroatien, der den Zusammenbruch Jugoslawiens besiegelte! - darauf aus war, "Jugoslawien in seine ,ethnischen' Teile zu zerlegen" und das Kosovo zum Brückenkopf auszubauen, um "die Region des ehemaligen Großalbaniens als traditionelles deutsches Einflussgebiet erneut zu dominieren". Sollte der Plan aufgehen, "wäre für Europa ein Präzedenzfall territorialer Neuordnung geschaffen, der für andere ,unterdrückte Volksgruppen' insbesondere in Osteuropa ein Vorbild abgeben und Deutschlands Vormacht in diesem Teil der Erde weiter stärken würde". Eine recht abenteuerliche Arbeitshypothese, die der Autor verifiziert, indem er alles, was sie zu begründen scheint, fleißig herbeizitiert und alles, was ihr widersprechen könnte, souverän ignoriert.

Die Fronten sind klar. "Vertrauenswürdig ist, wer mit den Nazis ging", und die Feinde sind wieder, wie damals zu Hitlers Zeiten, die Russen und die Serben. Weshalb viele Kosovo-Albaner die Nazis als Befreier begrüßt haben, ist Küntzel keine Erklärung wert, nur eine Verurteilung. Überhaupt geht der Autor, der gern in die Geschichtskiste greift, um aktuelle Politik als Fortsetzung wilhelminischhitlerischer Großmachtpolitik zu entlarven, sehr sorglos mit der Geschichte um. Im Wesentlichen sei die serbische Repression der letzten 20 Jahre die Konsequenz des nationalistischen Aufstands der Kosovo-Albaner von 1981, der den serbischen Nationalismus aus dem Dämmerschlaf geweckt habe. Kein Wunder, dass im ganzen Buch der Name Rankovic nirgends auftaucht. Unter der Verantwortung des Innenministers und Geheimdienstchefs wurden zwischen 1945 und 1966 an die 100 000 Kosovo-Albaner als "Türken" in die Türkei vertrieben. Tausende wurden misshandelt und rund 100 in den Gefängnissen ermordet.

Doch wirft Küntzel auch wichtige Fragen auf: Weshalb wurde der Untersuchungsbericht zum Massaker von Racak nicht veröffentlicht? Weshalb wurde im Annex B des Rambouillet-Abkommens der freie Durchzug von Nato-Truppen durch Jugoslawien gefordert? Fragen, die der Autor leider mit Ideologie zukleistert. Trotzdem wird das Buch seine Wirkung nicht verfehlen.

Wer, bloß um sein Weltbild zu retten, schon immer gegen die Intervention war, wird sich in seiner Haltung bestätigt fühlen. Wer sich aber, ob damals Befürworter oder Gegner der Intervention, für die wirkliche Vorgeschichte des ersten Nato-Angriffs auf einen souveränen Staat, mit zweifelhafter völkerrechtlicher Legitimation, interessiert, der wird durch Küntzels Werk kaum klüger.

Matthias Küntzel: Der Weg in den Krieg