Hans-Ulrich Treichel ist ein mit allen Wassern der Erzählkunst gewaschener Autor. Das weiß man spätestens seit seiner Erzählung Der Verlorene. In seinem neuen Roman ist Hans-Ulrich Treichel, Professor am Leipziger Literaturinstitut, indes so gründlich ans Werk gegangen, dass vor lauter Wasser die Geschichte davonschwimmt. Tristanakkord ist ein Roman nach dem Lehrbuch, ohne Turbulenzen, ohne Sogkraft. Aber wer will ein als Roman getarntes Lehrbuch von einem Autor, der sich anschickt, zu den wichtigsten deutschen Schriftstellern der mittleren Generation zu gehören?

Auf der Gegenwartsebene des Künstler- und/oder Bildungsromans geht es um einen arbeitslosen Germanisten mit Promotionsabsichten, der im Schlepptau eines Komponisten die große weite Welt kennen lernt, aber nicht mag. Georg Zimmer ist mit der Überarbeitung der Memoiren eines gewissen Bergmann beauftragt. Zu diesem Zwecke darf Zimmer dem Genie nachreisen, nach Schottland, New York und Sizilien. Unterwegs überkommen ihn immerzu Campus- und andere Jugenderinnerungen, die von Treichel stets an der richtigen Stelle eingebracht werden und belegen, dass der junge Mann aus dem Emsland, trotz FU-Studiums in Berlin, die Provinz in sich nie verlassen wird. Merke: Ein anspruchsvoller und gleichwohl den Leser nicht überfordernder Roman ist einer, der auf zwei Ebenen handelt, auf einer Gegenwartsebene und einer Vergangenheitsebene, immer schön abwechselnd.

Und auch Herr Bergmann, "eine Art Brahms oder Beethoven", ist genauso, wie man sich einen Künstler seines Schlages vorstellt: atemberaubend produktiv, trotz fortgeschrittenen Alters blendend aussehend, im Privatleben ein bisschen verkommen, im Berufsleben angeödet von allem Durchschnittlichen, immer ein Glas Whiskey in Reichweite. Kurz: Der Künstler als Genie steht - natürlich war dies die ironische Intention des Autors - knapp vor dem Karikaturenkabinett. Aber so interessant wie etwa die kauzigen, philosophasternden Künstlerfiguren eines Thomas Bernhard ist dieser Bergmann lange nicht, auch wenn Treichel die sich zum Vorbild genommen haben mag.

Treichels Satzbau - stets korrekt, gute Grammatik - erinnert manchmal an die Prosa des Meisters. Aber bei Bernhard gab es immer mindestens eine Figur, die unsympathisch war. Genau daran leidet Treichels Roman: keiner geht einem hier auf die Nerven, keinen schließt man in sein Herz. Der Künstler und der Knabe: ein ödes Gespann.

Fragt sich am Ende, wer von diesem Roman etwas hat. Georg Zimmer ist nicht von der Art, dass ein promotionswilliger Germanistikstudent sich in ihm wiederfände. Allerdings: da Hans-Ulrich Treichel seinem Helden allerhand Nachahmenswertes über die Kunst der wissenschaftlichen Forschung in den Mund legt (auf Hungers Lexikon der griechischen und römischen Mythologie wird ausdrücklich verwiesen), dürften zumindest die geisteswissenschaftlichen Hoffnungsträger Stellen im Roman finden, die zu unterstreichen sich lohnt.

Und mit Sicherheit werden Treichels Studenten am Literaturinstitut erkennen, dass ihr Lehrer und Autor die Romanfigur mit einem Konflikt ausgestattet hat, der ihnen nur allzu bekannt vorkommt: dichten oder forschen?

Georg Zimmer selbst dichtet nämlich auch, er hat in einem Berliner Kleinverlag mit dem ach so sprechenden Namen Edition Ausweg einen Lyrikband veröffentlicht. In seiner Dissertation will er sich dem Thema Das Vergessen in der Literatur widmen. Ob aus "rezeptionsästhetischer" oder "produktionsästhetischer" Sicht, steht noch nicht fest. Ginge es um Erstere - so wäre der Doktorand genötigt, den jüngsten Roman Treichels in seine Überlegungen mit einzubeziehen.