Wenn sich die Großen einig sind, haben die Kleineren nichts zu lachen.

Schiller zählte ihn zu den "hohlsten Köpfen", für Goethe war eines seiner Dramen "ein hohles Fass", und beide zusammen dachten ans Abfertigen des "neuesten Dilettantism". Der Abgefertigte heißt Casimir Ulrich Boehlendorff.

Noch zum Steckbrief verkürzt, lässt sein Lebenslauf erschaudern: Um 1775 in Kurland geboren und früh verwaist, gelingt es dem jungen Dichter in den Jahren 1801/03, einige Texte drucken zu lassen. Die Verachtung der Großen und der Spott der Tageskritik bringen die Stimme, von der Hölderlin sagte, "ich brauche Deine reinen Töne", jedoch zum Verstummen. Danach irrt er noch 22 Jahre lang - mittellos, zu Fuß und etwa 15 000 Kilometer weit - zwischen Bremen, Kiel, Königsberg, Riga und Charkow umher, bis er sich am 10. April 1825 erschießt.

Der Berliner Literaturwissenschaftler Frieder Schellhase hat Boehlendorff - mit der Unterstützung der DFG und des Verlags - rehabilitiert und alles, was über dessen Person und Werk noch erhalten geblieben ist, in den Archiven zwischen Bern und Riga zu einer prächtigen dreibändigen Ausgabe zusammengetragen. Die Handschriften sind verschollen. Schellhase hat Gedichte, Briefe, Prosatexte und Rezensionen in entlegenen Publikationen und privaten Nachlässen aufgespürt. Außer diesen Texten bietet die Ausgabe in ihrem Apparat umfangreiches Dokumentationsmaterial zu Leben und Werk Boehlendorffs und zur Geschichte seines Freundeskreises sowie eine minutiöse Abrechnung mit der Literaturwissenschaft. Diese fand sich ab mit den Textmanipulationen, Vorurteilen und Gerüchten aus zwei 1912 und 1913 erschienenen Monografien und legte dann den Fall Boehlendorff zu den Akten.

Er blieb den Fachleuten als Freund Hölderlins in Erinnerung, aber als Dichter war er seither verschollen. Einzig die drei Schriftsteller Johannes Bobrowsky, Gerhard Wolf und Jürg Amann beschäftigen sich literarisch mit dem Schicksal des armen Mannes aus Kurland. Schellhases Editionsarbeit ist grundsolide, auch wenn er bei seinen sprachlich etwas umständlichen Kommentaren gelegentlich überzieht und sich dabei wiederholt.

Als Fünfjähriger verlor Boehlendorff beide Eltern und wuchs bei Pflegeeltern auf. Diese schickten ihn 1793 zum Jurastudium nach Mittau. Ein Jahr später begab er sich nach Jena, wo Fichte gerade seine Lehrtätigkeit aufgenommen hatte. Hier hörte Boehlendorff mit 500 anderen Zuhörern - darunter Hölderlin - die rhetorisch wie inhaltlich explosive erste Fassung von Fichtes Vorlesung Über die Bestimmung des Gelehrten. Die Zeitumstände waren so brisant wie die Autoren, auf die sich Fichte berief. Die Französische Revolution war in ihrer terroristische Phase. Fichte stützte sich trotzdem unerschrocken auf Verteidiger der Revolution, beschwor den "großen Plan" der Vereinigung von "Vernunft und Freiheit" im Namen der Menschenrechte zum "gemeinsamen Brudergeschlecht". Er beflügelte die Ambitionen seiner Studenten: "Das Gefühl unserer Würde und unserer Kraft steigt, wenn wir uns sagen, was jeder unter uns sich sagen kann: mein Dasein ist nicht vergebens und zwecklos

ich bin ein notwendiges Glied der großen Kette." Und er forderte sie zum Handeln auf: "Hinstehen und klagen über das Verderben der Menschen, ohne eine Hand zu regen, um es zu verringern, ist weibisch ... Handeln! Handeln! das ist es, wozu wir da sind."