Mehrere große Parteiführer sind abgetreten in den vergangenen 18 Monaten.

Helmut Kohl, Oskar Lafontaine, Wolfgang Schäuble. Manche veränderten ihre Partei, andere das ganze Land. Spuren hinterließen sie alle, einer sogar ein System.

Auch Gunda Röstel wird nicht vergessen werden. Am Wochenende kündigte sie in einem Brief an die Deutsche Presse-Agentur ihren Rückzug aus der Parteispitze der Grünen an. Drei Jahre und drei Monate führte sie die Partei, erst an der Seite Jürgen Trittins, dann gemeinsam mit Antje Radcke. Als 25. Vorsitzende in der 20-jährigen Geschichte dieser Partei war ihre Prägekraft naturgemäß schwach. Wenn dereinst trotzdem von einer "Ära Röstel" die Rede sein wird, dann hat das mit der kongenialen Übereinstimmung ihrer Person mit einer Entwicklung zu tun: In Gunda Röstel reflektierte sich die Verhülsung der grünen Partei.

Schon vor ihrem Amtsantritt bemühten sich die Grünen, das Auseinanderklaffen alter Ideale und neuer Notwendigkeiten in Formeln zu versöhnen. Aber erst mit Gunda Röstel, der jungen Ostdeutschen, der die grüne Bewegung so fremd war wie Tiefkühlkost, erhielt der rhetorische Leerstand ein Gesicht. In ihrer ersten großen Rede, auf dem Suhler Parteitag, formulierte sie die neugrüne Prosa bereits in Vollkommenheit: "Es ist an uns, liebe Freundinnen und Freunde, die anspruchsvolle Aufgabe der inhaltlichen Neuorientierung auszufüllen: die Vision einer Gesellschaft zu entwerfen, die sich auf solidarischem Miteinander, auf Nachhaltigkeit und sozialer Gerechtigkeit im gemeinsamen Haus Europa gründet."

Da war alles und nichts zugleich - das aber in Form eines Aufrufs. Die Partei, die längst an sich selber zweifelte, fand im idealen Moment eine Vertreterin, die so wenig von grüner Politik wusste, dass Zweifel keinen Boden hatten. Staunend über sich selbst übertrugen die Grünen, denen Bauch und Seele so viel bedeutete, ihre Identität einer Hülse. Bald gewöhnten sie sich daran, dass Gunda Röstel jene Begriffe, die ihnen einst Halt gaben, aus dem Mund purzelten wie Gegenstände, die sie versehentlich verschluckt hatte: "Eine Abkehr von Umwelt, Frieden, Gleichberechtigung und Bürgerrechten steht in keiner Weise zur Debatte", mahnte sie vor einem Jahr auf einer Klausurtagung in Caputh und führte fort: "Aber dies alles reicht nicht mehr quasi automatisch."

Aus. Vorbei. Die Ära Röstel ist Geschichte. Sie selbst wollte gehen. Die Röstelpartei wird noch etwas bleiben.