Polen und Deutsche, Nachbarn seit 1000 Jahren: Viel verbindet sie, viele schlimme Erinnerungen trennen sie. Vor 20 Jahren wurde das Deutsche Polen-Institut in Darmstadt gegründet. Sein Ziel: jedem der beiden Völker die Kultur- und Geistesgeschichte des anderen näher zu bringen, um auf diese Weise eine feste Grundlage für gut nachbarliche Beziehungen zu schaffen.

Freilich ist das Verhältnis zur Geschichte bei beiden nicht das gleiche. In Polen ist Literatur, anders als bei uns, etwas Existenzielles

stets wird Literatur unter dem Aspekt von Gesellschaftsgeschichte betrachtet. Wie tief das Empfinden für Volk, Heimat und Ehre ist, wird deutlich an dem Eid, den die Untergrundarmee im Zweiten Weltkrieg schwören musste:

"Vor Gott, dem Allmächtigen, vor der Heiligen Jungfrau Maria, der Königin der Krone Polens, lege ich meine Hand auf dieses heilige Kreuz, Symbol des Märtyrertums und der Erlösung. Ich schwöre, dass ich die Ehre Polens mit aller meiner Kraft verteidigen will, dass ich mit der Waffe in der Hand kämpfen werde, um mein Vaterland von der Sklaverei zu befreien, bereit, mein Leben zu opfern."

Kein anderes Volk hat so viele Wechsel durchleiden müssen. Ein Bekannter von mir, der bei Mugaszewo in der Karpato-Ukraine gelebt hat, berichtet: "Ein Pole wurde dort von einem Fremden nach seiner Herkunft gefragt. Ich bin, antwortete er, im habsburgischen Reich unter Kaiser Franz-Josef geboren, in Ungarn zur Schule gegangen, war bei den Tschechen in der Armee, bei den Deutschen im Gefängnis und bin dann sowjetischer Bürger geworden." Der Fremde staunt: "Da sind Sie aber viel herumgekommen." Antwort: "Nein, ich bin immer in Mugaszewo geblieben."

Für ein Volk mit solcher Vergangenheit ist Literatur natürlich nicht einfach Belletristik. Für die Polen waren Dichter und Schriftsteller stets die Hüter des nationalen Erbes. Sie - wie auch die Kirche - waren die Wahrer der Kontinuität. Ebendeshalb ist das Deutsche Polen-Institut so unentbehrlich für jeden, der unser Nachbarland wirklich verstehen will.

Was hat denn das Institut bisher geleistet? Es wurden 50 Bände Polnische Literatur, vom Mittelalter bis zur Neuzeit übersetzt und veröffentlicht, 350 Seiten pro Band