Die Ausstellung zeigt den mächtigsten Herrscher, den es je gegeben hat, den Kaiser, in dessen Reich die Sonne nie unterging, als einen Gefangenen. In einen fensterlosen Saal ist ein gewaltiges Podest gestellt, sodass für all die Exponate nur die Flure und Wände um jenes Podest herum übrig bleiben. Der Besucher kann das Podest besteigen, um die Hauptstücke der ganzen Ausstellung zu besichtigen, die neun großen, wundervollen Teppiche, die der Kaiser über seinen Kriegszug nach Tunis nach Entwürfen seines Hofmalers Jan Vermeyen 1548 in Brüssel hat herstellen lassen. Der Besucher kann Abstand nehmen von den Problemen, die unten in den dicht gestellten Vitrinen und auf voll gehängten Wänden ausgebreitet werden und die den Kaiser im Laufe seines Lebens so zermürbt haben, dass er schließlich resigniert abdankte.

Im Eingangsbereich, in dem zunächst eine anspruchsvolle Bronzebüste den Kaiser als Universalherrscher vorstellt, offenbaren dann die Stammbäume der Dynastien, die sich in ihm trafen, dass er diesen zwar unermessliche Reiche verdankte, aber auch Gene, die ihn belasten werden: Von ihnen hat er seinen schweren Unterkiefer, wodurch der Mund stets geöffnet war, und eine quälende Gicht - Leiden, die der Sohn, dessen Mutter dem Wahnsinn verfallen war, nie durch eine von den Ärzten dringend empfohlene v ernünftige Lebensführung zu mildern bereit war. Die niederländischen Künstler, die den von einer hochmögenden Tante in Gent erzogenen Prinzen zu porträtieren hatten, zeigen ihn als wohlerzogenen Knaben, als Vogeljäger, als kleinen Soldaten in Kostümharnisch, als edlen Jüngling in einer Terrakottabüste "aus Erde gebacken". Die humanistischen Erzieher, deren Bildnisse und Traktate beste Absichten belegen, unterstellen ihn dem Geist des Erasmus.

Doch große ausgefaltete Pergamenturkunden mit gewichtigen roten Siegeln halten die umständlichen Verträge und Kapitulationen fest, an die der junge Herrscher, als ihm das spanische Reich und dann auch das Kaiserreich zufielen, gebunden und verpflichtet werden sollte. Die Künstler malen ihn jetzt immer öfter als Jupiter oder Herkules, fertigen ihm Siegelstempel mit der Devise "Plus ultra", die allenthalben einen Anspruch auf Weltherrschaft anmelden, und malen ihn in der Rolle eines Supermanns, der all seine Rivalen an der Leine führt. In Wirklichkeit, so wird von voll gehängten Wänden und durch gefüllte Vitrinen auch deutlich, bedrängt ihn der französische König Franz I. in fünf Kriegen unablässig. Wie die Türken Wien belagern, hat der Grafiker Meldemann vom Stephansturm aus beobachtet und in einer Rundansicht von sechs Stöcken genau festgehalten. Fährnisse im ganzen Reich hetzen den kranken Mann durch alle Länder. Prachtvolle Säbel, Dolche und Harnische werden in der Ausstellung durch Stiche von Kriegsszenen begleitet, in denen meist unbezahlte kaiserliche Landsknechte wüten.

Der Kaiser, der den Europäern die größte Erweiterung ihres geografischen Horizontes bescherte, wird schon zwei Jahre nach seiner Wahl mit deren tiefsten inneren Problemen konfrontiert. Ein kleiner Holzschnitt stellt die Begegnung auf dem Wormser Reichstag 1521 so vor, dass Martin Luther als Mönch vor weiter Landschaft alleine dem Kaiser gegenübertritt. Der Kaiser, der von kirchlichen Würdenträgern begleitet wird, schwingt das Szepter, während Luther mit ausgestreckten Armen zu beteuern scheint, dass er nicht anders könne, als seinen Einsichten und seinem Gewissen mehr als Konzilien und päpstlichen Enzykliken zu glauben.

Dass der Kaiser gleichzeitig mit einer ganz anderen Macht zu kämpfen hatte, mit der öffentlichen Meinung nämlich, belegen die boshaften religionspolitischen Flugblätter und die zahlreichen, weit verbreiteten Stiche von den Hauptakteuren und ihren Taten und Programmen. "Fama macht mächtig", so etwa allegorisiert der geniale Parmigianino den Kaiser in einem Bildnis, welches dieser gerne besessen hätte, das der Künstler aber nicht zu Ende brachte und das aus Privatbesitz ausgestellt ist. Die Öffentlichkeit zu beeinflussen, die Gegner zu bekämpfen, die Gleichgültigen zu bestechen kostete viel Geld, und aus dieser Not halfen vor allem die Fugger, deren Umgebung in einer kulturgeschichtlichen Abteilung illustriert wird. Mit dem Seehandel gelangen die Bilder einer fremdartigen Lebens- und Götzenwelt der indianischen Untertanen nach Europa und relativieren ebenfalls den Wahrheitsanspruch des christlichen Glaubens. Die ausgestellten Karten, Instrumente, anatomischen und astrologischen Werke, aber auch das kleine Bildnis des Adam Riese aus Annaberg belegen, dass eine neu erworbene Weltkenntnis und ein neuer wissenschaftlicher Forscherdrang die Grundlagen jener Vorstellungswelt unterminieren, die der Kaiser, dessen goldprunkender Reisealtar ebenfalls ausgestellt ist, auf den Schlachtfeldern von Mühlberg bis Tunis, auf Reichstagen und Konferenzen, durch Edikte und Konzilien noch zu erhalten und zu verteidig en suchte.

Wenn der Eindruck, den die Ausstellung vermittelt, nicht trügt, hat der Kaiser weltliche Hilfe und Zuspruch am ehesten von den Künstlern erwartet.

Sie sollten die Sockel liefern, auf denen der Herrscher als Bronzestatue in voller Rüstung oder als nackter Heros den Feind siegreich mit Füßen tritt.