Die zahllosen kunstvollen Reliefs und Medaillen aus Gold, Silber und Bronze zeigen auf den Rückseiten, wie der Kaiser allegorisch immer Herr der Lage ist, wenn er etwa die Protestanten stürzt wie ein Jupiter die Giganten. Die beiden Ganzfiguren-Bildnisse von Tizian und Seisenegger stellen den Kaiser mit einer Dogge in Posen vor, die mehr die innere Haltung als die äußeren Würdezeichen zur Wirkung kommen lassen wollen. Die blank geschliffenen, brillanten Bronzebüsten der Jonghelinck und Leoni rufen römisch-imperiale Bezüge auf, so wie die Genealogen den Stammbaum bis zu Noah, die Trojaner oder Cäsar zurückverfolgen.

Unverkennbar ist, dass diese in internationaler Kooperation erarbeitete Jubiläumsschau eine historische Ausstellung sein musste. Bedeutende Gemälde sind nur durch Kopien vertreten. In Bonn hat man auf einem Holzpferd die Rüstung montiert, die Karl in der Schlacht zu Mühlberg getragen hat

sie ist aus Madrid herbeigeschafft, verständlicherweise aber nicht auch das Reiterbildnis Tizians, auf dem Karl jenen Harnisch trägt und in dem der Maler den siegreichen Feldeinsatz gegen den protestantischen Schmalkaldischen Bund zu der Dauerbereitschaft eines heiligen Ritters überhöht. Da der vorzügliche Katalog bei vielen Exponaten vermerkt: "nur in Wien", sollten diejenigen, die auf dieser Ausstellung vor allem Kunst erwarten, einen Besuch in Wien oder dann in Madrid wiederholen.

Am ehesten kann man auf dem Podest nachvollziehen, mit welchen Mitteln die Kunst den Kaiser aus dem trüben Alltag heraushob. Es liegen Feldstecher bereit, mit denen die Besucher wie Feldherren die Teppiche in Augenschein nehmen und alle Einzelheiten der Kriegsabläufe, insbesondere die vielen türkischen Krudelitäten, durchgehen können. Doch der Haupteindruck besteht darin, dass durch die Landschaftspanoramen und durch eine subtile, schimmernde Farbigkeit der Seiden-, Gold- und Silberfäden alle Einzelheiten wie weggeblendet und Perspektiven eröffnet sind, die wie eine Fata Morgana über der Ausstellung schweben.

Auf einem Tisch abseits der Führungslinie stehen fünfzehn Bände, welche die Liste der Briefe enthalten, die in der Kanzlei unter Karl geschrieben wurden.

An den Wänden die Bildnisse von hochbefähigten und hochgebildeten Räten, Beamten und Ministern, welche Hunderttausende von Schriftstücken geschrieben, diktiert und in alle Welt verschickt haben. In der Wunschvorstellung Karls ist der Staat eine Maschinerie, die mit zahllosen Ordres in Gang gehalten wird. Karl V. hat Uhren um sich versammelt und sie in Gleichtakt zu bringen versucht. Wundervolle Beispiele technischer Ästhetik sind mit einer Reihe von Uhrwerken im letzten Abschnitt der Ausstellung zusammengestellt. Der Besucher wird entlassen mit dem Zitat Karls V. auf der Ausgangswand: "Was hab ich vermessen, all die Menschen meines Reiches zusammen bringen zu wollen, wo ich nicht einmal imstande bin, einige Uhren in Übereinstimmung zu bringen."

Bundeskunsthalle Bonn bis zum 21. Mai 2000, Katalog 78,- DM